Musik auf Berliner Straßen

In Berlin auf den Straßen unterwegs zu sein bedeutet, sich von den Vibes und Tunes anziehen zu lassen, kreative Luft einzuatmen und zu spüren, dass in dieser Stadt etwas möglich ist und auch wirklich etwas passiert.

Wer sich in Berlin mal die Zeit nimmt, das Wahrgenommene zu verarbeiten, sich buchstäblich darauf einzulassen, der oder diejenige hat die Chance, das Wirken und die Faszination der Berliner Straßenmusiker_innen mit offenem Geist zu verfolgen.

Straßenmusik in Berlin ist international, auf Solidarität angewiesen und versucht, wie sollte es anders sein, mit anderen Weltmetropolen standzuhalten. Das musikalische Spektrum erstreckt sich dabei oftmals über digital verstärkte Instrumente, Beats bis hin zu Gesängen. 

Hotspots, wie die Warschauerbrücke, sind voll mit Musikstudenten, kompletten Bandbesetzungen und spontanen  musikalischen Darbietungen. Rein akustische und analoge Straßenmusik, das war gestern. Zumindest, wenn das Ziel verfolgt wird ein professioneller Musiker zu werden. So steht erst ein Mal, die technische Ausstattung im Vordergrund, bevor es auf die Straße zum musizieren geht, mit einer ungewissen Zukunft.

Die Akzeptanz, der wohl größten offenen Bühne Berlins, schrumpft.

„Performance, technische Ausstattung und Songschreiber_innen-Qualitäten, zeugen von hohem Wert.“ 

So oder so ähnlich könnte das Land Berlin Werbung für „seine“ Straßenkünstler machen. Wenn, ja wenn, ein Interesse bestände, diese Form der Kunst zu fördern und zu unterstützen. 

Aber, bis auf undurchsichtige und nicht allgemeingültige Regelungen, bis hin zu Verbots-Gesetzen und damit verbundenen Strafmaßnahmen, hat das Land Berlin nicht all zu viel übrig für diese Kleinkunst. Wodurch dem ein oder anderem Künstler, im wahrsten Sinne, die öffentliche Straße unter den Füssen verboten und auch nicht vor der Beschlagnahmung von Instrumenten abgesehen wird. Auch mit Diebstahl, territorialen Auseinandersetzungen und schlechtem Wetter, muss der Straßenkünstler rechnen. Straßenmusik in Berlin ist Saisonarbeit. 

Straßenmusik ist aber auch längst in der digitalen Ewigkeit und Verwertungsgesellschaft angekommen und hat in dieser Form wenig mit der Kleinkunst am, bzw. im, Hut.

Der internationale Vergleich, mit einem Blick auf Online-Videoplattformen zeigt, dass die Berliner Straßenmusik zumindest hier, noch keine große Bedeutung spielt. Bis auf wenige Ausnahmen, hat die digitale Verbreitung, noch zu keinem höherem Bekanntheitsgrad geführt. 

Dennoch sind die Optionen für die Musiker gut, so kann es schnell von der Straße in eine Bar, in einen Club oder in ein Studio gehen. 

Das Potential der Musik auf Berliner Straßen ist zwar noch längst nicht ausgeschöpft, stößt aber in ihrer jetzigen Entwicklung an seine Grenzen. Die Politik ist sich uneinig, die Anwohner sind zum Teil genervt und das, obwohl Musik doch verbindet. Aber wie heißt es so schön: „Dort, wo eine Kunstform auf Widerstand trifft, beginnt sie zu wirken.“

Straßenmusik in Berlin ist Wanderarbeit, von Ort zu Ort, vom Smartphone auf digitale Plattformen, von der Straße auf die Bühne. Das ist der Wunsch von vielen Straßenmusikern, auch von denen, die jetzt mit der Straßenmusik anfangen wollen, inspiriert von der Musik auf den Straßen Berlins.

Die Möglichkeit, eine musikalische Live-Performance „for free“, quasi als „music to go“, erleben zu dürfen, zählt oft zu meinen persönlichen Highlights. In unregelmäßigen Abständen, werde ich euch von den musikalischen Lichtgestalten der Straße berichten, mit Hilfe von Interviews, die Entwicklung der Straßenmusik beschreiben und einfach gute Musik unters Volk mischen.

Bei dem anstehendem Wetter, werde ich auf „open stages“ ausweichen, um die aktuell entstehende Musik in Berlin zu vermitteln. Ich freue mich über Anregungen.

John

Erlend Øye im Astra, Berlin 11.10.2014

In den sozialen Netzwerken und diversen Medien scheint Erlend Øye so etwas wie der Künstler der Stunde zu sein. Als der Schmächtige mit der großen Brille stilisiert, strahlt er einen seit Wochen von nahezu allen (Web-)Seiten an. Dabei erlangt er durch seine eigenwillige Ästhetik aus zeitloser Fönfrisur, grellem Kassengestell auf der Nase und einem ständigen Bill-Gates-Schmunzeln auf den Lippen eine ungeheure Präsenz, die einem den Finger beim Weiterscrollen lähmt und zumindest kurz zum Mitschmunzeln animiert.

Obwohl er nie so weit im Vordergrund stand wie jetzt, ist Erlend Øye ein alter Bekannter. Und wer ihn noch nicht kennt, hat zumindest lange mit ihm koexistiert. Bereits 2001 hat er sein Studiodebüt im Duo Kings of Convenience gefeiert, und erst im Juni 2014 die Auflösung seiner Zweitband The Whitest Boy Alive bekanntgegeben. Offenbar sah er mal wieder den Zeitpunkt für ein neues Soloalbum gekommen, von denen er auch alle paar Jahre mal eins ausspuckt. Eine Fertigkeit, die Erlend Øye beherrscht, ist es, sich nach vorne zu lehnen und neue Horizonte zu erschließen.

 

Er hätte auf dem Album verschiedene Wege gehen können: die Akustikgitarrenmusik der Kings of Convenience fortsetzen, an den subtil funkigen Rock von The Whitest Boy Alive oder den Elektro-Sound seiner früheren Soloplatten anknüpfen können. Oder sich einer isländischen Reggae-Band anschließen können. Letzteres hat er getan. Es fällt schwer, griffige Hypothesen zu formulieren, die diesen Schritt erklären. Eine könnte wie folgt lauten: Wenn es ein Element gibt, dass Norwegen, die Heimat Øyes, mit seiner Wahlheimat Silizien verbindet, dann ist es der Einfluss des Golfstroms. Und der umströmt auch Island. Und er kommt aus der Karibik. Genau wie Reggae.

 

Grund genug also für ihn, den Sommer in einem Keller in Reykjavik zu verbringen und in Sessions ein faszinierend liebevolles Album auszuarbeiten, das mittlerweile unter dem Namen Lagao veröffentlicht wurde. Seine neue Band hört auf den Namen The Rainbows und verkörpert für sich genommen par excellence etwas, das man den Friska-Viljor-Effekt nennen könnte: Sie sehen aus wie Wikinger und klingen wie ABBA. Nur entspannter. Aus handgemachtem Offbeat-Pop bauen sie Øye, dem bunten Vogel, ein musikalisches Nest, in dem er neu erfinden kann, was er immer macht und was sein Werk eint.

 

Sein Albumcover, auf dem sein Kopf inmitten einer psychedelisch-infantilen Hawaiihemd-Motivs erstrahlt, illustriert es: Er bringt Sachlichkeit in Landschaften. Noch viel mehr, wenn diese aus Musik sind. Seine Stimme allein strahlt mit Leichtigkeit eine herzliche Geborgenheit aus. Und da er sie ständig mit ureigener Faszination neu inszeniert, wird seinen Fans nicht langweilig. Immerhin scheinen ihn ein paar Akkorde und Wendungen wie diese vielen verspielten kleinen Gitarrenmelodien über die ganze Zeit hinweg zu begleiten.

 

Gegenüber seinem ruhigen Sound, dessen Manifest Quiet is the new Loud darstellt, sind seine musikalischen Entscheidungen ungeheuer virtuos. Vermutlich wussten viele seiner Fans noch gar nicht, dass sie Reggae mögen. Doch das Vertrauen darin, dass jede seiner Entscheidungen eine gute ist, ist mittlerweile so groß, dass 1200 Leute am Samstag neugierig ins Astra strömten, um einen Abend lang den gerade neugeborenen Erlend Øye zu begutachten. Die medialen Vorzeichen reichten aus, um den Club zumindest nahezu auszuverkaufen.

 

Was genau er mit seinem neuen Projekt vorhatte, wird live klar: Erlend Øye wollte einfach mal seine Fangemeinde zusammentrommeln und mit ihnen tanzen. Und dabei ist es nicht im Geringsten so, als würde er The Rainbows zu diesem Zweck ausnutzen. Vielmehr prägte den mehr als zweistündigen Auftritt vor allem ein gegenseitiger Respekt der Musiker. Die Band, allesamt Multiinstrumentalisten, überraschte mit vielseitigen Sounds, die auf einer Skala zwischen Fahrstuhlmusik und orchestralen Hymnen durch das Gesamtwerk Øyes, seine Schöpfung, führte, als hätte es nie eine Kluft zwischen Perfektionismus und Tanzmusik gegeben.

 

Mal waren acht Mann auf der Bühne, mal nur drei, dann mal wieder der entspannteste Frontman der Welt allein mit seiner Gitarre. Zwischendurch überließ der gar seinem Hammond-Organisten Siggi die komplette Bühne: einem bärtigen Zottel im Wo-ist-Walter-Outfit, der kurz an die Akustikgitarre gelassen wurde und inbrünstig auf Isländisch einen Eros-Ramazotti-ähnlichen Song präsentierte, während man Øye nur hinter der Bühne tanzen sah – mit seiner Art Hawaiikette aus Goldlametta, in einem blauem 90er-Hemd und grauer Bürohose. Das Wort „bizarr“ wird all dem nicht im Geringsten gerecht. Und eine letzte voluminöse Zugabe führte mit Posaune und Querflöte nochmal eindringlich ins Bewusstsein: Erlend Øye kann eigentlich alles. Zum Beispiel das Astra zum Springen bringen, und nicht nur The Rainbows folgen ihm blind. Wie einst die starken Männer Wickie folgten. Ähnlichkeiten sind tatsächlich unübersehbar.

 

Øye liebt schöne Dinge und hätte sein Leben genauso gut auf Wikingerraubzügen in der Südsee verbringen können. Nur hätte er sie vermutlich benutzt, um Schmetterlinge zu sammeln. Zwar kann niemand ihn voraussehen, doch Erlend Øye findet immer seinen Weg. Dankbarerweise macht er Musik. Ebenfalls kündigte er mit ein paar kurzen Nummern sein nächstes Projekt an: ein Album mit italienischen Schlagern. Warum eigentlich nicht? Hoffentlich folgen ihm die starken Männer. Das Astra wird sicher zur Stelle sein.

Gregor

We were promised Jetpacks mit Fatherson im Lido, Berlin 27.09.2014

Foto: John Heidkamp

Indie-Rock ist großartige Musik. Unabhängig, individuell und handgemacht. Und verliert eine Band eines dieser Ideale, dann ist sie eben keine Indie-Rock-Band mehr. Aber ist es nicht etwas komisch, dass selbst gestandene Liebhaber des Genres, die sich seit Jahren auf Konzerten tummeln, überrascht sind, wenn auf einmal eine Band daherkommt, die vor allem durch außergewöhnlich guten Gesang strahlt? Ist es nicht merkwürdig, Fan einer Musikrichtung zu sein, bei der es nicht darum geht, Talent zu zeigen und anstatt große Virtuosität an den Tag zu legen, vielmehr einfach etwas Schönes aus dem zu machen, was man hat? Ich mein, das ist doch Indie. Da haben doch gute Sänger gar nichts verloren. Die können doch Folk machen, wenn die gut singen können. Aber sie sind eben nicht dazu verpflichtet.

 

Dachte sich Schotte, Sänger und Gitarrist Adam Thompson und gründete 2003 mit Schulfreunden die Band We Were Promised Jetpacks. Jetzt sind sie groß und zehren Album um Album von dem Sound, den sie geschaffen haben: Gitarrenrock. Unabhängig, individuell, handgemacht und wuchtig durch einen Gesang, der sich in jeden Ton kniet. Umso mehr noch, wenn sie live spielen. Im Moment sind sie mit ihrer dritten LP Unravelling auf Tour und haben dankenswerterweise am 27.9. im Lido angehalten. Mit Fatherson hatten sie eine Vorband am Start, die Arsch auf Eimer ins Programm passt. Ganz so, als würde sich eine Subkultur vorstellen. Und Fatherson sehen auch noch so aus, als würden sie Folk machen. Mit Bärten über den Babyfaces. Vatersöhnchen halt.

 

Die Auftritte beider Bands selbst wurden vortrefflich inszeniert. Kein Rampenlicht auf die Musiker, dafür in ihrem Rücken eine Wand aus Suchscheinwerfern, die passiv durch sie durch über das Publikum hinweg strahlten. Dadurch entsteht ein anderes Raumverhältnis als normalerweise auf Konzerten. Bühne und Publikumsraum sind keine getrennten Räume. Beides verschwimmt und durch alles dringt die Musik.

 

We were promised Jetpacks strahlten Erfurcht vor ihrem Publikum aus. Statt einstudierter Ansagen bedankten sie sich in jeder Unterbrechung unzählige Male, als wollten sie sagen: „Es ist unfassbar, dass ihr alle wirklich gekommen seid und unsere Musik euren niedrigen Ansprüchen genügt!“ Und auch ihr Set lief nicht stumpf auf die bekannten Songs zu, sondern fuhr mit vielen feinen Übergängen auf. Quiet Little Voices etwa fand seinen Platz genau an der richtigen Stelle, mitten im Set. So muss das. Danach kommen die Zugaben. Und doch wirkte es fast so, als würde sich die Band hinter ihren eigenen Songs verstecken, denn sie sind das blanke Gegenteil einer Showband. Die Show ist die Musik. Und manchmal schien es, als wäre ihre Musik eine Maschine, bei der keiner aus der Band riskieren möchte, einen falschen Knopf zu drücken. Der gesamte Auftritt verbleibt wie ein Understatement auf ihre Musik. Doch das macht sie eben aus, die meinen das ernst.

Gregor

Foto: John Heidkamp

Foto: John Heidkamp

Kraftklub, Geheimkonzert an der Hoppetosse, Berlin 18.9.2014

Foto: Katharina Grosse

Komisch, noch vor ein paar Wochen konnte ich mich in der Sicherheit wähnen, dass ich, wenn ein Kraftklub-Konzert ansteht, alle Texte mitsingen kann. Das beruhigt ungemein, wenn man in der Badewanne sitzt. Dann kam aus dem Nichts eine Vorabsingle und vor ein paar Tagen ein neues Album. Kein Grund zur Beunruhigung, dachte ich, bis zur Tour ist es ja noch ein bisschen. Aber nein, Kraftklub überrennen weiter.

 

Und plötzlich finde ich mich auf einem Parkplatz zwischen Arena Treptow und Spree wieder, am Anleger der Hoppetosse. Um mich rum 1000 Leute Publikum, von denen morgens noch keiner gewusst hat, dass dieses Konzert sie hier in den Sonnenuntergang begleiten würde. Vor mir einer dieser Red-Bull-Busse mit Bühnen auf dem Dach. Vielleicht ist es auch immer derselbe, aber jetzt war er plötzlich schwarz. Alles war in schwarz. Fuhrwerk, Bierbuden, Crew und die Band: Kraftklub. Die an jenem 18.9. ein kostenloses Exklusivkonzert ihrer Geheimtour „Konvoi in Schwarz“ zum Besten gaben.

 

Foto: Katharina Grosse

 

Um sechs war Einlass, um sieben erklomm die Band den Bus. Und dann geschah es plötzlich. Ich stand auf einem Kraftklub-Konzert und war scheinbar der einzige, der die Texte nicht kannte. Das neue Album war zu dem Zeitpunkt seit sechs Tagen draußen und ein begeisterter Mob schrie ihnen jedes Wort entgegen, tanzte, hüpfte, machte alles mit. Zugegeben, ein paar Lieder gingen bei mir doch. Aber das waren dann die Hits vom alten Album, die eh jeder mitsingen kann, der ab und zu Radio hört. Im Ernst, wen wundert noch, dass ein tausendstimmiger Chor in Berlin vor einer Kulisse aus Spree, Oberbaumbrücke und Fernsehturm mitgrölt, dass er nicht nach Berlin will? Die Zugezogenen aus dem Creative-Bereich genauso laut wie ihre Hasser. Überhaupt, eine witzige Runde auf dem Konzert. Fünfzehnjährige, die sich darüber unterhalten, dass sie die Band schon kannten, als sie zwölf waren. Mittdreißiger, die darüber reden, dass Kraftklub sie an die frühen Beatsteaks erinnern. Eine Meute Presseleute. Live übertragende Radiofritzen. Leute mit Videokameras. Eine aufmerksame Spiegelreflexfront, ein wippender Biergürtel. Alles dabei.

 

Foto: Katharina Grosse

 

Kraftklub stellen mit einem einstündigen Set nicht zum ersten Mal unter Beweis, dass sie diejenige deutsche Band sind, die sich am besten auf PR versteht. Ihr neues Album knüpft nahtlos da an, wo bei ihrer ersten Platte die Nadel abgesetzt hat: Prägnante Riffs, clevere Songs, griffige Hooklines, ironische Texte, die ihren Kritikern die Themen klauen. Es gelingt, auf In Schwarz, die Ideen von Mit K auf den Stand von 2014 zu münzen. Immer noch singen sie über Gentrifizierung, Rüpeltum und das uncoole Gefühl, verliebt zu sein. Neu sind Songs über Kommerzialisierung. Sie sind nicht mehr die Band, die aus dem Nichts plötzlich einfach da ist. Aber ihr schlagartiges Comeback löst einen ähnlichen Effekt aus, an den man sich alle paar Jahre gewöhnen könnte. So lange sie es schaffen, immer aktuell zu bleiben, ist da auch kein Ende abzusehen.

 

Kraftklub live geht auf jeden Fall immer. Sie beherrschen ihr Publikum. Und erwecken dabei stets den Eindruck, kleine pöbelnde Jungen zu sein, die einfach mal gucken, wie weit sie mit der Nummer kommen und sich dann ein Schmunzeln nicht verkneifen können, wenn sie merken, wie gut es klappt. Und es klappt verdammt gut. Zwischendurch erzählt ihr Frontturner Felix Brummer nicht ohne Stolz von der erschreckenden Verletztenliste ihrer „Konvoi-In-Schwarz“-Tour, mahnt zur Vorsicht vor herausspringenden Kniescheiben und brechenden Knöcheln, lädt aber einen Song später wieder zum Crowdsurfen ein. Das dominierende Gefühl des Abends heißt YOLO.

Foto: Katharina Grosse

 

Als der Konvoi schwarzer Trucks voller schwarzgekleideter Musiker und Crewmitglieder, denen das Auftreten als Bande gelingt, Berlin wieder verlässt, verbleiben 1000 Leute, die sich ebenfalls ein Schmunzeln nicht verkneifen können. Den Rotzlöffeln von Kraftklub ist ihre Promotour sehr wohl gelungen. Mag man ja nicht zugeben. Klar, der Merch ging weg wie warme Schrippen, doch um Käufe zu betteln wäre unter ihrem Niveau. Appell des Abends: „Wir sind Kraftklub. Wenn ihr es noch nicht getan habt, dann ladet euch unser neues Album illegal runter! Und wenn es euch gefällt, dann kauft es euch!“ Oder eben nicht. Aber es nützt nichts. Schwarz steht ihnen gut.

 

Gregor

The Fever – Cheap Tattoo

Wenn The Fever in den drei Jahren seit ihrer Gründung etwas gelernt haben, dann ist es, sich in Szene zu setzen. Das fängt natürlich damit an, dass ihr Bandoutfit oberhalb der Gürtellinie nur aus ein paar Streifen Klebeband besteht, reicht aber weit in die Musik. Seit dem Umzug von Kalifornien nach Kreuzberg hat das Duo aus Sängerin und Gitarrist mit Liebe zu synthetischen Drums bereits eine Reihe von EPs ausgespuckt, die sich gewaschen haben.

 

Auf ihrer neuesten Erscheinung Cheap Tattoo zeigen sie zunächst, was sie nicht sind: Eine Band, die ihren Sound sucht. Eine Band, die sich zu ernst nimmt. Eine, die Wert auf tiefgründige Cover und Texte legt. Denn wenn man mal die Hard Facts betrachtet, verbergen sich hinter dem frechen lasziven Coverbild sechs scheinbar kleine Songs mit schlichten Sample-Rhythmen und prägnanten Lyrics.

 

The Fever verschenken also großzügig einfache Punkte. Warum? Weil sie’s können? Jap. Weil sie’s können. Das ist zwar an sich gewagt und auf jeden Fall nichts für Schülerbands. Aber bei The Fever zu einem wertvollen Stilmittel, das andere Bands plötzlich wie verzweifelte Spießer wirken lässt, während The Fever auf Cheap Tattoo beweisen, wie man aus jedem simpel plänkelnden Rhythmus einen reifen Rocksong holt.

 

Gut, klingt grundsätzlich alles etwas nach dem The Kills-Prinzip und die Ähnlichkeiten sind bestimmt nicht zufällig. Sei’s drum. Es geht ja um Musik und nicht um Prinzipien. Und die Kunst liegt in genialen Details. Und die reichen bei The Fever von griffigen Hooklines („I wear you like a cheap tattoo”) bis zu ‘ner Palette von Überraschungssounds. Da tanzen Gitarre, Synthies und Gesang auf schwermütigen Drums plötzlich wie Mäuse auf einem alten Sofa. Nicht zuletzt die ausgefeilte Produktion, in dem eine Menge Ahnung und Arbeit aufgehen, macht den Sound zu einem Original. Zu allem Überfluss klingt alles am Ende dann auch noch cool. Frechheit.

 

Link zur EP:

http://the-fever.bandcamp.com/album/cheap-tattoo-ep

Gregor