A Tale Of Golden Keys im Ramones Museum – 21.3.2015 – Interview + Konzert

Kalte verregnete Samstage eignen sich bestens für Besuche in Museen. Und es muss ja nicht gleich die Alte Nationalgalerie sein, vielleicht tut’s ja auch das Ramones Museum in Mitte. Immerhin läuft da immer gute Musik und es tummeln sich interessante Leute. Drei von denen, die sich am 21.3. dort einfanden, habe ich interviewt. Okay, sie waren nicht für die Ramones da und schon gar nicht wegen des Wetters, sondern für ein Konzert. Nämlich ihr eigenes: die bayerische Band A Tale of Golden Keys. Zwischen Abendessen und Soundcheck fanden Schlagzeuger Jonas, Bassist Flo und Sänger, Pianist und Gitarrist Hannes kurz Zeit für die merkwürdigen Fragen von berlinmittemusic.

ATOGK2 

Woher kennt ihr euch?

 

Flo: Jonas und ich haben vorher in einer anderen Band zusammengespielt und mit Hannes habe ich Abitur gemacht.

 

Ihr seid also zusammen aufgewachsen?

 

Hannes: Ja, im Prinzip. Wenn man es romantisieren will.

Flo: Um‘s Abi herum haben wir uns gedacht, wir machen mal zu dritt Musik. Das hat dann so gut geklappt, dass wir daraus eine Band gemacht haben. Das ist jetzt fünf Jahre her.

 

Wie seid ihr auf den Bandnamen gekommen?

 

Flo: Als Idee für einen Bandnamen stand „A Tale Of …“ in Anlehnung an „A Tale of Two Cities“ von Charles Dickins schon lange im Raum und wir haben etwas gesucht, was dahinter passt. Jonas hatte dann die Idee zu „Golden Keys“ und wir haben es zusammengefügt.

 

Es klang also einfach schön?

 

Hannes: Es klang einfach schön.

 

Und geht es um Schlüssel oder Tasten in der Geschichte?

 

Jonas: Große Frage.

Flo: Wer weiß, wer weiß?

 

Aber was habt ihr vor Augen, wenn ihr den Bandnamen lest?

 

Hannes: Schlüssel. Auf jeden Fall!

 

Also einen goldenen Schlüsselbund?

 

Hannes: Genau.

Jonas: Noch nicht einmal unbedingt goldene. Einen grauen vielleicht.

Flo: Auch ein grauer Schlüssel kann golden sein.

 

Ich finde, eure Musik klingt recht unabhängig von direkten Einflüssen großer Bands oder von irgendwelchen starren Genres. Ich nehme an, euer Sound hat sich über eine Weile entwickelt, oder? Gab es am Anfang Bands, an denen ihr euch orientiert habt?

 

Flo: Nein. Wenn dann haben andere Bands eher unterbewusst in unseren Sound hineingespielt. Das ist jetzt wahrscheinlich auch noch so.

Hannes: Als wir unsere allerersten Auftritte gespielt haben, klangen wir noch ganz anders. Da wurde immer der Muse-Vergleich gezogen, der damals vielleicht ein bisschen gepasst hat und jetzt gar nicht mehr. Es hat sich auf jeden Fall extrem viel entwickelt – natürlich nicht komplett unabhängig von irgendwelchen Einflüssen, aber die Einflüsse sind tatsächlich sehr verschieden, weil wir alle drei auch zum Teil sehr unterschiedliche Musikgeschmäcker haben.

 

Also war es letztendlich einfach die Musik die rauskam, als ihr zusammengespielt habt?

 

Hannes: Jap. Kann man so sagen.

 

Ich habe mich Folgendes gefragt: Angenommen, ich würde schreiben, ihr macht wuchtigen Postrock – könntet ihr damit leben oder würdet ihr lieber etwas anderes über euch lesen?

 

Flo: Ich könnte mir vorstellen, Postrock ist ein bisschen irreführend. Aber damit könnten wir schon auch leben.

Jonas: Wuchtig ist irgendwie witzig.

Flo: Das sollen Journalisten entscheiden!

 

Ich hatte gehofft, ihr könntet mir diese Last abnehmen. Ich habe auf jeder Seite über euch eine andere Musikrichtung gefunden.

 

Hannes: Ich glaube, wir tun uns mittlerweile gar nicht mehr so schwer damit, es einfach Pop zu nennen. Aber halt Pop im Sinne von “Melodien” und nicht im Sinne von “läuft im Radio”. Also “Postpop” vielleicht!

 

Ihr habt schon ein paar Sachen aufgenommen, oder?

 

Flo: Genau, zwei physische EPs (darunter „1912“) und eine digitale („Tired of me“).

 

Und eine Single („Travelling Lights“) habt ihr ja auch gerade draußen. Wie geht es weiter? Ist ein Album geplant?

 

Jonas: Ja. Wir sind im April im Studio und nehmen ein Album auf. Das wird Ende des Jahres, Anfang nächsten Jahres erscheinen.

 

Cool. In Nürnberg?

 

Flo: In der Nähe von Nürnberg. Ganz idyllisch auf einem Dorf.

 

Ich habe gelesen, dass ihr ein Bandhaus in Nürnberg habt. Was hat es damit auf sich?

 

Jonas: Wir kommen ja alles aus dem Nürnberger Umland und meine Oma hatte da ein Haus, das nun leerstehend ist. Und wir dürfen das als Bandproberaum benutzen.

 

Und da macht ihr Wochenendsessions?

 

Jonas: Ab und zu, ja. Wenn wir Zeit haben. Gerade ist es ein bisschen schwierig. Wir müssen uns da echt Zeit nehmen. Und dann treffen wir uns da und haben ein schönes Wochenende, können über Nacht spielen, so laut wir wollen.

 

Und glaubt ihr, ihr würdet ohne das Haus anders klingen? Prägt es euren Sound?

 

Flo: Wahrscheinlich schon, weil wir sonst nicht so proben könnten, wie wir es jetzt tun. Allein schon in der Nacht zu proben ist immer schon ein ganz anderes Feeling als am Tag zu proben.

 

Sind eure aktuellen Bandfotos auch in dem Haus entstanden?

 

Jonas: Wir haben mal Fotos da gemacht, ja.

 

Ihr seid jetzt schon eine Weile auf Tour. Und das ist eure längste Tour bisher, oder?

 

Flo: Genau, das ist die dritte Woche.

 

Könntet ihr euch an den Alltag gewöhnen?

 

Jonas: Jetzt sind wir gerade so richtig drin. Ich glaub, ich könnte mich daran gewöhnen! Nächste Woche ist es leider schon wieder vorbei.

 

Hattet ihr gute Konzerte bisher?

 

Flo: Ja, auf jeden Fall. Fast ausschließlich gute Konzerte.

 

Und irgendwelche interessanten Tourerlebnisse?

 

Hannes: Das neue für uns ist, dass es unsere erste längere Solotur ist, bei der man nicht irgendwo als Support mifährt – und dass dafür echt alles supergut war. Das hätte nicht unbedingt so sein müssen.

 

Wart ihr nervöser, weil es eine Solotour ist und es um euch geht?

 

Flo: Jein. Man macht sich schon andere Gedanken, denn die Leute zahlen deinetwegen Geld und kommen nur für dich. Das ist schon etwas anderes, als wenn du irgendwo als Support mitfährst.

Jonas: Gestern war es ganz witzig. In Bielefeld war im Anschluss an unser Konzert eine Grand-Hotel-van-Cleef-Label-Party mit DJ-Set. Und wir waren die Hauptband und allein auf der Bühne. Da waren viele Grand-Hotel-van-Cleef-Fans, die dadurch irgendwie auch Fans von uns geworden sind. Das hat uns gut gefallen.

 

Hat euch also gut aufgenommen in der Grand-Hotel-van-Cleef-Familie?

 

Jonas: Die haben uns –in Bielefeld zumindest– sehr gut aufgenommen.

 

Zum Ende hin noch eine Frage zu eurem heutigen Konzert, auf dem ich nachher auch sein werde. Angenommen, ich müsste noch überzeugt werden: Was erwartet mich?

 

Hannes: Wir wissen noch nicht genau, was dich erwartet, weil wir die Bühne und die Anlage noch nicht direkt inspizieren konnten.

Flo: Also es ist noch die Frage, ob wir wuchtigen Postrock spielen können, oder alles etwas reduzierter machen.

Jonas: Vielleicht wird das heute etwas seichter.

 

Das macht ihr also spontan?

 

Hannes: Ja genau, je nachdem, wie die Möglichkeiten halt sind.

Jonas: Wir würden dir am liebsten wuchtigen Postrock bieten.

 

Ihr müsst euch für mich nicht verstellen, ich komm eh. Aber vielleicht könnt ihr mir zum Abschluss noch kurz helfen: Eure Musik in einem Satz?

 

Hannes: Jeder sagt ein Wort, okay?

 

Okay.

 

Hannes: Melancholisch.

Jonas: Energie.

Flo: Pop.

Hannes: Melodisch, Energie, Pop. Das trifft es eigentlich wirklich am besten.

 

Vielen Dank!

ATOGK3 

Zugegeben, auf einen Muse-Vergleich wäre ich bei den 2015er-A Tale Of Golden Keys wirklich nicht gekommen. Aber beides sind Bands, die musikalisch auf Reisen zu sein scheinen. Da trifft man sich schon mal. Ich hätte trotzdem eher an Bands wie The Notwist gedacht. Aber spätestens das Konzert am Abend hat mir endgültig eingehämmert, dass man mit der Vergleichsnummer bei A Tale Of Golden Keys wirklich nicht weit kommt. Anbei ein kurzer Versuch, das Unsagbare in Worte zu fassen: Besondere Merkmale ihrer Musik sind zunächst ein gekonnter, fast folkiger mehrstimmiger Gesang, dann live das Zurückstellen von Posen und Selbstdarstellungen hinter die Essenz, nämlich den optimalen gemeinsamen Klang, und zuletzt vor allem auch ein extrem breites Spektrum sowohl an Harmonien als auch an Sounds.

 

Mit dem wuchtigen Postrock lag ich trotz alledem bei dem Konzert am Abend ziemlich weit daneben. Denn A Tale of Golden Keys machten im Ramones Museum etwas, was ironischer Weise gerade die Ramones wohl nicht hinbekommen hätten: Sie passten sich an – und spielten anstatt einer Clubshow, wenngleich im Sitzen, so doch aus dem Stand ein perfekt auf den Raum und die Atmosphäre abgestimmtes ruhiges und gefühlvolles Set, das zwei Dinge zeigte: was für verdammt gute, vielseitige Musiker sie sind, und dass man von ihnen noch eine Menge erwarten kann.

Gregor

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Bilderbuch im Astra Kulturhaus, 20.03.2015

Es war legendär was dort in den Hallen des Astra Kulturhauses vor sich ging.

4 junge Boys schwitzen auf der Bühne, junge willige Mädels schrieen sich an der Absperrung die Seele aus dem Leib und Radio Eins-Hörer grölten jeden Song mit…….

Um 20Uhr sollte es losgehen, auf der aufgebauten Bühne standen 3 riesige Buchstaben. Ein “A”, ein “D” und ein “I”…… Eine österreichische Band in Deutschland mit dem 2 Meter hohen Schriftzug “ADI” auf der Bühne. Gewollte Provokation? Wäre jetzt nicht sonderlich ungewöhnlich für das Rehauge Maurice und Co.

Das Publikum war äußerst bunt gemischt, vor der Bühne saßen die jungen Hühner auf dem Boden und drückten sich ihre Gesichter in ihren Smartphones platt, daneben standen die älteren Herrschaften in ihren wahnsinnig teuren Wollmänteln mit Wohlstandsbrille auf der Nase.

ADI” hat nichts mit Mr. Hitler zu tun, so sollten wir erfahren, viel mehr hieß die 1Frau-Vorband so. Eine junge, hübsche weibliche Erscheinung bestieg die Bühne und knallte einem mit dem ersten Beat fast das komplette Gehör aus dem Schädel. Auf bassigen Beats setzte sie ihre unfassbar klare und laute Stimme drauf, loopte einiges und brachte auch den ungelänkigsten Gast zum mitschwingen.

Nach einem kurzen Umbau des Bühnensets kamen ein paar Erscheinungen in der Dunkelheit die Bühne hinauf und positionierten sich hinter ihren Instrumenten. Die Musik fing an zu schallen und ein komisches Gefühl stieg in den Gästen hoch…. “Das kann doch nicht Bilderbuch sein, was ist hier los”, die Vibes im Publikum wurden unübersichtlich und da ging dann auch schon das Licht an. Noch eine Vorband, alles klar- also noch eine Weile durchhalten bis die Halbgötter aus Wien endlich zu uns sprechen um uns zu verführen.

Olympique aus Österreich zogen im ersten Moment jede Menge Argwohn auf sich, da jeder Bilderbuch erwartete. Die Stimme des Sängers erinnert unfassbar stark an “Kings of Leon“. Olympique stellten sich als “Freunde von Bilderbuch” vor,  ihre Musik erinnerte nicht an die von ihren Buddys aus Wien, eher lag der Vergleich zum Grönemeyer auf der Hand, denn der Sänger vernuschelt die Liedtexte bis ins Unverständliche.

Seine schlaksigen Bewegungen und der Versuch sich im Beat zu bewegen war dann aber durchaus entertainend genug um noch ein wenig auszuharren bis der Grund auf die Bühne kommen sollte wegen dem sich die ganze Berliner Mischpoke versammelt hatte.

Bilderbuch ließ sein Gefolge noch einmal 30 Minuten warten, unterhalten wurden wir unter anderen mit Songs von den Sugarbabes.

Dann aber dann, dann ging es los, sexy Blondschopf Maurice und seine Wiener Boys betraten die Bühne, Maurice streckte seinen Allerwertesten ins Publikum uns sagte “Du bist hinter meinem Hintern her, du willst ihn, gibs zu!” und man nahm ihm alles ab was er sagte. Die Selbstinszinierung sitzt bis ins letzte Augenbrauenhochziehen.

Gespielt haben sie ihr neues Album, ein paar alte Klassiker wie “Joghurt auf der Bluse” oder “Calypso“, natürlich hauten sie uns auch “Maschin” um die Ohren und zu “OM” verabschiedeten sie sich.

Maurice hat es sogar unbemerkt von der Bühne runtergeschafft und tauchte in der Menge seiner Anhänger ein, badete kurz in ihnen und hinterließ ihnen seinen Schweiß als Gottesgeschenk.

Michael, der wohl erotischste Gitarrist on earth beglückte mit seinen Bewegungen, seiner Gitarre als Gliedverlängerung und so coolen Blicken, dass es nicht ein Lächeln seinerseits ins Publikum schaffte. Sein Gitarrensolo bestritt er mit der Gitarre verkehrt herum im Nacken und hüftkreisend in Richtung Publikum.

Die Beatsteaks haben es sich natürlich auch nicht nehmen lassen dem Konzert beizuwohnen, Bilderbuch waren vor kurzem erst deren Vorband.

Bilderbuch, eine Band die uns die nächsten 50 Jahre unterhalten wird, sich uns neuentdecken lässt und uns geschickt mit äußerst intelligenten Texten und unfassbar erotisierenden Riffs in den körperlichen Verfall begleiteten wird.

 

Sarah

M E T R Y K – Gold of Pleasure

METRYK (gerne auch suchmaschinenfeindlich “M E T R Y K” geschrieben) kommen aus Berlin und machen eine Art synthetischen Postpop, den sie auf ihrer Debüt-EP Gold of Pleasure präsentieren. Doch wer sind sie und was machen sie da?

Mit weiblichem Gesang und versierten Instrumtalspuren haben METRYK von den Voraussetzungen her durchaus Ähnlichkeit mit CHVRCHES, denen ja hin und wieder vorgeworfen wird, ihre Songs klingen nach Disney-Jingles. Hier erschöpft sich die Ähnlichkeit bereits, denn dieser Vorwurf trifft auf METRYK in keiner Weise zu: Ihre Musik ist deutlich subtiler und fast eine entfremdete Variante des Sounds von CHVRCHES, in der Beats im Zweifelsfall vermieden oder auf das Nötigste wie den “broken beat”-Abschlag reduziert werden. Zentraler ist das Zusammenspiel eines komplexen Klangmosaiks aus effektgeladenen Synthies- und Gitarrensounds über hohlen Basstönen, durch die sich eine weiche Stimme schleicht.

Einzelne hohe Synthiepassagen oder ausklingende Gitarrenakkorde bringen eine Art Bedrücktheit in die Songs, die außergewöhnlich ist, da sie keine Schwere in die Musik legt. Durch sie dringt eine Art Tristess und Weltschmerz durch, die jede gute Zeit ungenießbar zu machen vermögen. Wie am letzten schönen Tag vor einem langen Winter: Dieses unerträglich Leichte im Sein findet einen Ausdruck. Wenn man es lässt.

Auffällig ist aber vor allem auch der abwesende, hauchige Gesang, der fast etwas nach Triphop klingt. Doch das Ganze ist kein Triphop. Auch hier fehlt die Schwere. METRYK haben damit sicher auch von Bands wie Daughter oder The XX gelernt und begeben sich damit in gute Gesellschaft. Aber sie verstoßen an vielen Stellen immer wieder die Intimität, die ihre Musik erzeugen könnte.

Oft wirkt ihre Musik statisch, robotisch, fast metrisch (“metrysch”) am Reißbrett bzw. Computer entworfen und sorgfältig ausproduziert. Dennoch schaffen sie es, über die gesamte EP hinweg eine gewisse Spannung zu halten. Nur läuft diese Spannung im Gesamtkontext der Platte ins Leere, sodass sich bei allem, was sich in die Songs hineinhören lässt, nicht heraushören lässt, warum sie überhaupt geschrieben und aufgenommen wurden.

Das kann allerdings ein wertvolles Stilmittel sein und macht sie, andersherum betrachtet, ja vielleicht gerade interessant. Denn ihre Musik lässt Fragen offen und lässt einen nicht direkt wieder los. Und vielleicht ist es ja gerade diese Scheiß-drauf-Einstellung aus dem Rock, die in der Landschaft dieses experimentellen Synthpops fehlt, den sie betreiben. Auf jeden Fall macht Gold Of Pleasure Lust auf mehr und Lust auf live. Denn auch wenn bzw. gerade weil sie ihn nicht verraten möchten, klingt doch durch, dass METRYK bei dem, was sie tun, einen vielversprechenden Plan verfolgen.

 

Gregor

Jamie T im Postbahnhof, Berlin 9.2.2015

Wer ist Jamie T? Warum ist bei seinen Konzerten so viel los? Beides schwer zu sagen. 2007 war er plötzlich einfach da und schoss mit seiner Panic Prevention in die britischen Top 10, einem Album, das klang, als wäre es im Rausch einer durchzechten Nacht entstanden. Chaos statt HiFi also, Jamie Tals Antikünstler. Aber warum der Erfolg? Er hat damals einen Nerv getroffen und irgendetwas richtig gemacht. Genretechnisch ist seine Musik allerdings schwer zu fassen. “Indietrashhiphopbritpoprock” könnte gehen, wird ihm aber, zumal etwas sperrig, nicht gerecht. Irgendwie kommt er ja auch aus dieser Arctic-Monkeys-Garagen-Indierock-Schule, ist in der Schule aber wohl sowas wie der Klassenclown.

Auch sein neuestes Album Carry on the Grudge schlägt noch in dieselbe Kerbe wie damals, auch wenn es etwas melancholischer daherkommt. Vieles klingt, als hätten sie im Studio nur einen Take pro Instrument und Gesangslinie machen dürfen, viele Spuren laufen durcheinander. Da bleibt einer sich und seinen Fans treu, ohne zu stagnieren. Und ein Genie beherrscht sein Chaos. Dann kann es ja ruhig Chaos zulassen. Es ergeben sich aufrichtige Nummern, die mal straight, mal seicht, eine von tiefer Ironie zerfressene Entschlossenheit ausstrahlen, die ihm eigen ist.

Auf jeden Fall geben seine Aufnahmen immer schon gute Vorgeschmäcker auf live. Gerade die Hooklines klingen oft schon so, als hätte einer das Mikrofon ins Publikum gehalten und als wäre Jamie T eben der lauteste gewesen, der etwas hineinruft. Und das meiste klingt tanzbar. An vielen Stellen ergeben sich unwiderstehliche Grooves. Guter Grund also für eine Berliner Auswahl seiner Fans, sich am 9. Februar im Postbahnhof zu versammeln und für ein paar Stunden König Jamies Aura zu unterwerfen. Der dankte es ihnen mit einer Macht-was-ihr-wollt-Politik. Und sie wollten tanzen. So einfach kann es sein. 

Mit einer in guter Libertines-Manier ineinanderwirkenden und gegeneinanderspielenden Liveband wurde die Performance vorbestimmt: Bewegt euch einfach durcheinander, wie es passt, und die perfekte Gesamtchoreografie ergibt sich von selbst – das Jamie-T-Prinzip. Soweit die Vorbestimmung, deren Umsetzung das Publikum sehr ambitioniert und mit einer Adaption der tiefironischen Entschlossenheit des Sängers umsetzte. Merkwürdig, wie viel Magie in einem Konzert liegen kann, das ja irgendwie auch trash ist. Am Ende gingen alle mit dem merkwürdigen Gefühl nach Hause, die Welt verstanden zu haben, aber sie nicht erklären zu können.

Gregor

Maximilian Hecker im Privatklub, Berlin 22.1.2015

Foto by John Heidkamp

Wer hat Angst vor Maximilian Hecker? Keiner – könnte man denken. „Blöde Frage“, müsste man einwenden. Aber so einfach ist es nicht. Das (und vieles mehr) zeigte sich am 22.1.2015 bei seinem Konzert im Privatklub. Dort gab Maximilian Hecker einige Facetten seines Seins und Wirkens zum Besten. Dabei waren es eigentlich zwei Shows ineinander.

 

In der ersten Show fand sich ein introvertierter, virtuoser Musiker mit dem Rücken zu seinem Publikum auf einem Schemel wieder und spielte auf Gesang und Klavier heruntergebrochene, elementare Versionen seiner Songs. Ab und zu griff er zur Gitarre und setzte sich damit in die andere Bühnenhälfte. Seinen Mikrofonständer nahm er mit – keine Roadies, keine Umstände. Er zeigte sein Format, gab preis, was er kann. Es ging um die Musik, das Ganze wirkte sphärisch, authentisch, intim.

 

Die zweite Show spielte weitgehend zwischen den Songs. Ein Entertainer erzählte auswendiggelernte Witze, las Anekdoten aus seiner flapsig geschriebenen Autobiographie vor und versuchte sich unbeholfen an Publikumsinteraktionen. Die Witze waren dabei immer wieder dieselben und damit, dass Leute auf seine Fragen antworteten, konnte er nicht umgehen. Seltsam waren ständig wiederholte Ansagen wie „Freddy Mercury würde jetzt diese Bewegung machen“ oder „Na, Berlin! Gut, dass Wochenende ist, was?“. Denn keiner war für Freddy Mercury da. Und es war Donnerstag.

 

Im Hintergrund erschienen während alledem übergroß Einblendungen seines Namens und Videos, die neben Impressionen von Touren vor allem eines zeigten: sein Gesicht. In schnellgeschnittenen Sequenzen präsentierte sich ein neugieriger, enthusiastischer Maximilian Hecker. Seltsam nur, dass sich genau der Maximilian Hecker zeitgleich am Klavier fast hundertprozentig anders gab und sein reales Gesicht lieber völlig verbarg. Oder sich hinter einer Wand aus vorformulierten Ansagen versteckte. Irgendetwas passte da nicht zusammen. Vor irgendetwas hatte er Angst. Aber wovor?

 

Seine neue Platte Spellbound Scenes of my Cure ist erst seit kurzem draußen, erlangte bereits hohe Präsenz in den Medien und konnte gute Kritiken einfangen. Läuft doch. Gut, in Deutschland gilt er immer noch als Außenseiter, während er in Asien bereits große Hallen bespielt. Aber wie heißt es so schön? „It’s easy when you’re big in Japan“. Also warum so schwer?

 

Ein Indiz befindet sich auf dem Album: Es folgt einem Konzept und erzählt von acht Zufluchtsorten, darunter ein Flughafendorf bei Kopenhagen, den er abends erreicht, ein Billighotel in Berlin-Henningsdorf, in dem er Silvester verbringt, und eine Hotellobby in Peking, in die es ihn nachts verschlägt. Zum einen bieten diese „places not to be“ ihm Geborgenheit und die nötige Selbsterfahrung, aus der er sein kreatives Potenzial zieht. Zum anderen impliziert dieser überschwängliche Ausdruck des Angekommenseins bereits immer schon die Notwendigkeit einer vorausgehenden Flucht. Nur wovor flüchten? Vor den Fans und dem Rummel um ihn? Oder vor dem, dem sie alle hinterherrennen? Es scheint, als sei das, was nicht zusammenpasst zum einen die Marke Maximilian Hecker und zum anderen Maximilian Hecker selbst, der Mensch hinter der Marke.

 

In einem Interview hat letzterer mal gesagt, dass ihm Fans, die ihn anhimmeln, immer leidtun, denn sie kennen ihn ja eigentlich gar nicht und ergeben sich einer Projektion. Aber wie soll man ihn auch besser kennenlernen? – Klar, seine Songs handeln von ihm selbst, sogar von Selbsterfahrungen, dem Intimsten. Aber dazu muss man es auch erstmal schaffen, das wieder herauszuholen, was er hineinsteckt. Und das ist bei einer endproduzierten Platte mit Streichern und Backingvocals, die an Orten spielt, an denen die meisten Menschen noch nie waren, gar nicht so leicht. Wüsste man es nicht besser, könnte zum Beispiel ein Songtitel wie „To Liu Wen, The Opposite House, 3 A.M.“ eher nach Stalking klingen als nach einem nächtlichen Absacker in einer Hotellobby, in die man immer mal wollte. Und gerade die Art von sphärischem Postpop, den er betreibt, lebt doch durch Leerstellen.

 

Gute Musik erzeugt beim Anhören Bilder. Und die sind in den allermeisten Fällen nunmal anders als die Bilder, die ihr Komponist oder Interpret hineingelegt hat. Zu einem Abgleich der Bilder verabredet man sich dann zu Konzerten. Dort elementare Versionen zu spielen, ist dafür ein schöner Ansatz. Könnte auch dabei helfen, Mensch und Marke auf der Bühne wieder zusammenzuführen. Aber im Privatklub war irgendwie von dem Menschen nichts zu sehen. In den Songs konnte man ihn hören und dabei seine Konturen betrachten. Sonst war da nur die Marke bzw. Maske, die allseits geliebte (und in einem Ausnahmefall gefürchtete) Projektion, die alles Persönliche immer wieder durchbrach. Schade. Vorschlag: Witzebuch weg, Beamer aus, Klavier zum Publikum und das Ganze nochmal von vorn. Nur keine Angst vor Maximilian Hecker, Maximilian Hecker. Er steht dir bestimmt, probier’s aus!

 

Gregor

Maximilian Hecker im Privatclub

Maximilian Hecker im Privatclub

Maximilian Hecker im Privatclub

Maximilian Hecker im Privatclub

Maximilian Hecker im Privatclub

Maximilian Hecker im Privatclub