Kalte verregnete Samstage eignen sich bestens für Besuche in Museen. Und es muss ja nicht gleich die Alte Nationalgalerie sein, vielleicht tut’s ja auch das Ramones Museum in Mitte. Immerhin läuft da immer gute Musik und es tummeln sich interessante Leute. Drei von denen, die sich am 21.3. dort einfanden, habe ich interviewt. Okay, sie waren nicht für die Ramones da und schon gar nicht wegen des Wetters, sondern für ein Konzert. Nämlich ihr eigenes: die bayerische Band A Tale of Golden Keys. Zwischen Abendessen und Soundcheck fanden Schlagzeuger Jonas, Bassist Flo und Sänger, Pianist und Gitarrist Hannes kurz Zeit für die merkwürdigen Fragen von berlinmittemusic.

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Woher kennt ihr euch?

 

Flo: Jonas und ich haben vorher in einer anderen Band zusammengespielt und mit Hannes habe ich Abitur gemacht.

 

Ihr seid also zusammen aufgewachsen?

 

Hannes: Ja, im Prinzip. Wenn man es romantisieren will.

Flo: Um‘s Abi herum haben wir uns gedacht, wir machen mal zu dritt Musik. Das hat dann so gut geklappt, dass wir daraus eine Band gemacht haben. Das ist jetzt fünf Jahre her.

 

Wie seid ihr auf den Bandnamen gekommen?

 

Flo: Als Idee für einen Bandnamen stand „A Tale Of …“ in Anlehnung an „A Tale of Two Cities“ von Charles Dickins schon lange im Raum und wir haben etwas gesucht, was dahinter passt. Jonas hatte dann die Idee zu „Golden Keys“ und wir haben es zusammengefügt.

 

Es klang also einfach schön?

 

Hannes: Es klang einfach schön.

 

Und geht es um Schlüssel oder Tasten in der Geschichte?

 

Jonas: Große Frage.

Flo: Wer weiß, wer weiß?

 

Aber was habt ihr vor Augen, wenn ihr den Bandnamen lest?

 

Hannes: Schlüssel. Auf jeden Fall!

 

Also einen goldenen Schlüsselbund?

 

Hannes: Genau.

Jonas: Noch nicht einmal unbedingt goldene. Einen grauen vielleicht.

Flo: Auch ein grauer Schlüssel kann golden sein.

 

Ich finde, eure Musik klingt recht unabhängig von direkten Einflüssen großer Bands oder von irgendwelchen starren Genres. Ich nehme an, euer Sound hat sich über eine Weile entwickelt, oder? Gab es am Anfang Bands, an denen ihr euch orientiert habt?

 

Flo: Nein. Wenn dann haben andere Bands eher unterbewusst in unseren Sound hineingespielt. Das ist jetzt wahrscheinlich auch noch so.

Hannes: Als wir unsere allerersten Auftritte gespielt haben, klangen wir noch ganz anders. Da wurde immer der Muse-Vergleich gezogen, der damals vielleicht ein bisschen gepasst hat und jetzt gar nicht mehr. Es hat sich auf jeden Fall extrem viel entwickelt – natürlich nicht komplett unabhängig von irgendwelchen Einflüssen, aber die Einflüsse sind tatsächlich sehr verschieden, weil wir alle drei auch zum Teil sehr unterschiedliche Musikgeschmäcker haben.

 

Also war es letztendlich einfach die Musik die rauskam, als ihr zusammengespielt habt?

 

Hannes: Jap. Kann man so sagen.

 

Ich habe mich Folgendes gefragt: Angenommen, ich würde schreiben, ihr macht wuchtigen Postrock – könntet ihr damit leben oder würdet ihr lieber etwas anderes über euch lesen?

 

Flo: Ich könnte mir vorstellen, Postrock ist ein bisschen irreführend. Aber damit könnten wir schon auch leben.

Jonas: Wuchtig ist irgendwie witzig.

Flo: Das sollen Journalisten entscheiden!

 

Ich hatte gehofft, ihr könntet mir diese Last abnehmen. Ich habe auf jeder Seite über euch eine andere Musikrichtung gefunden.

 

Hannes: Ich glaube, wir tun uns mittlerweile gar nicht mehr so schwer damit, es einfach Pop zu nennen. Aber halt Pop im Sinne von „Melodien“ und nicht im Sinne von „läuft im Radio“. Also „Postpop“ vielleicht!

 

Ihr habt schon ein paar Sachen aufgenommen, oder?

 

Flo: Genau, zwei physische EPs (darunter „1912“) und eine digitale („Tired of me“).

 

Und eine Single („Travelling Lights“) habt ihr ja auch gerade draußen. Wie geht es weiter? Ist ein Album geplant?

 

Jonas: Ja. Wir sind im April im Studio und nehmen ein Album auf. Das wird Ende des Jahres, Anfang nächsten Jahres erscheinen.

 

Cool. In Nürnberg?

 

Flo: In der Nähe von Nürnberg. Ganz idyllisch auf einem Dorf.

 

Ich habe gelesen, dass ihr ein Bandhaus in Nürnberg habt. Was hat es damit auf sich?

 

Jonas: Wir kommen ja alles aus dem Nürnberger Umland und meine Oma hatte da ein Haus, das nun leerstehend ist. Und wir dürfen das als Bandproberaum benutzen.

 

Und da macht ihr Wochenendsessions?

 

Jonas: Ab und zu, ja. Wenn wir Zeit haben. Gerade ist es ein bisschen schwierig. Wir müssen uns da echt Zeit nehmen. Und dann treffen wir uns da und haben ein schönes Wochenende, können über Nacht spielen, so laut wir wollen.

 

Und glaubt ihr, ihr würdet ohne das Haus anders klingen? Prägt es euren Sound?

 

Flo: Wahrscheinlich schon, weil wir sonst nicht so proben könnten, wie wir es jetzt tun. Allein schon in der Nacht zu proben ist immer schon ein ganz anderes Feeling als am Tag zu proben.

 

Sind eure aktuellen Bandfotos auch in dem Haus entstanden?

 

Jonas: Wir haben mal Fotos da gemacht, ja.

 

Ihr seid jetzt schon eine Weile auf Tour. Und das ist eure längste Tour bisher, oder?

 

Flo: Genau, das ist die dritte Woche.

 

Könntet ihr euch an den Alltag gewöhnen?

 

Jonas: Jetzt sind wir gerade so richtig drin. Ich glaub, ich könnte mich daran gewöhnen! Nächste Woche ist es leider schon wieder vorbei.

 

Hattet ihr gute Konzerte bisher?

 

Flo: Ja, auf jeden Fall. Fast ausschließlich gute Konzerte.

 

Und irgendwelche interessanten Tourerlebnisse?

 

Hannes: Das neue für uns ist, dass es unsere erste längere Solotur ist, bei der man nicht irgendwo als Support mifährt – und dass dafür echt alles supergut war. Das hätte nicht unbedingt so sein müssen.

 

Wart ihr nervöser, weil es eine Solotour ist und es um euch geht?

 

Flo: Jein. Man macht sich schon andere Gedanken, denn die Leute zahlen deinetwegen Geld und kommen nur für dich. Das ist schon etwas anderes, als wenn du irgendwo als Support mitfährst.

Jonas: Gestern war es ganz witzig. In Bielefeld war im Anschluss an unser Konzert eine Grand-Hotel-van-Cleef-Label-Party mit DJ-Set. Und wir waren die Hauptband und allein auf der Bühne. Da waren viele Grand-Hotel-van-Cleef-Fans, die dadurch irgendwie auch Fans von uns geworden sind. Das hat uns gut gefallen.

 

Hat euch also gut aufgenommen in der Grand-Hotel-van-Cleef-Familie?

 

Jonas: Die haben uns –in Bielefeld zumindest– sehr gut aufgenommen.

 

Zum Ende hin noch eine Frage zu eurem heutigen Konzert, auf dem ich nachher auch sein werde. Angenommen, ich müsste noch überzeugt werden: Was erwartet mich?

 

Hannes: Wir wissen noch nicht genau, was dich erwartet, weil wir die Bühne und die Anlage noch nicht direkt inspizieren konnten.

Flo: Also es ist noch die Frage, ob wir wuchtigen Postrock spielen können, oder alles etwas reduzierter machen.

Jonas: Vielleicht wird das heute etwas seichter.

 

Das macht ihr also spontan?

 

Hannes: Ja genau, je nachdem, wie die Möglichkeiten halt sind.

Jonas: Wir würden dir am liebsten wuchtigen Postrock bieten.

 

Ihr müsst euch für mich nicht verstellen, ich komm eh. Aber vielleicht könnt ihr mir zum Abschluss noch kurz helfen: Eure Musik in einem Satz?

 

Hannes: Jeder sagt ein Wort, okay?

 

Okay.

 

Hannes: Melancholisch.

Jonas: Energie.

Flo: Pop.

Hannes: Melodisch, Energie, Pop. Das trifft es eigentlich wirklich am besten.

 

Vielen Dank!

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Zugegeben, auf einen Muse-Vergleich wäre ich bei den 2015er-A Tale Of Golden Keys wirklich nicht gekommen. Aber beides sind Bands, die musikalisch auf Reisen zu sein scheinen. Da trifft man sich schon mal. Ich hätte trotzdem eher an Bands wie The Notwist gedacht. Aber spätestens das Konzert am Abend hat mir endgültig eingehämmert, dass man mit der Vergleichsnummer bei A Tale Of Golden Keys wirklich nicht weit kommt. Anbei ein kurzer Versuch, das Unsagbare in Worte zu fassen: Besondere Merkmale ihrer Musik sind zunächst ein gekonnter, fast folkiger mehrstimmiger Gesang, dann live das Zurückstellen von Posen und Selbstdarstellungen hinter die Essenz, nämlich den optimalen gemeinsamen Klang, und zuletzt vor allem auch ein extrem breites Spektrum sowohl an Harmonien als auch an Sounds.

 

Mit dem wuchtigen Postrock lag ich trotz alledem bei dem Konzert am Abend ziemlich weit daneben. Denn A Tale of Golden Keys machten im Ramones Museum etwas, was ironischer Weise gerade die Ramones wohl nicht hinbekommen hätten: Sie passten sich an – und spielten anstatt einer Clubshow, wenngleich im Sitzen, so doch aus dem Stand ein perfekt auf den Raum und die Atmosphäre abgestimmtes ruhiges und gefühlvolles Set, das zwei Dinge zeigte: was für verdammt gute, vielseitige Musiker sie sind, und dass man von ihnen noch eine Menge erwarten kann.

Gregor

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