Der Heimathafen Neukölln gehört zu den am schwersten einzunehmenden Clubs Berlin. Ihn zu füllen schaffen einige Bands, ihm gerecht zu werden schon weniger, aber ihn einzunehmen? Sich diesen schönen alten Saal zu eigen zu machen? Wenige. Ich weiß von fünf Personen. Allesamt Mitglieder der belgischen Band Balthazar. Am 28. April gaben sie sich die Ehre, stellten ihr neues Album Thin Walls vor und stellten unter Beweis, wie gut es sich in ihr gesamtes Schaffen einfügt. Aber wer sind Balthazar eigentlich?

Sie treten auf wie eine kleine verschworene Bande, fünf Leute, die scheinbar nichts miteinander gemeinsam haben als, dass sie ab und zu zusammen auf eine Bühne klettern und ihre Unterschiedlichkeit in einen vielschichtigen Sound auflösen. Zwei Frontsänger mit Gitarren geben sich gegenseitig viele Freiräume zur Entfaltung. Der eine klingt mehr wie Nick Cave, der andere mehr nach Alex Turner. Alle Instrumente haben live viel mehr als auf der Platte eine Tendenz zur Übersteuerung, was besonders im Falle der bandeigenen Geige einen bemerkenswert weichen, breiten Klang erzeugt. Mechanische Instrumente mit hohlen Körpern verschmilzen mit synthetischen Klängen zu eigentümlichen Sounds. Balthazars Musik ist nun über drei Alben gereift. In ihr gehen diverse Tendenzen auf. Auf der einen Seite lässt sich ein gewisser Stoner-Einfluss schlecht absprechen, auf der anderen Seite sind da immer diese verschrobenen Rhythmen, die sie, neben der Ähnlichkeit der Stimmen, öfter mal in einem Satz mit den Arctic Monkeys erwähnt werden lassen.

Balthazar erzeugen monumentalen, melancholischen Indierock, aus dem sich, wie aus dichtem Nebel, immer wieder Melodien befreien. Dadurch liegt eine Spannung in der Musik, da Songs immer wieder in verschiedene Richtungen und Rhythmen ausbrechen können. Mal laufen sie in einen fünfstimmigen Chor, mal in laute Instrumentalparts, mal führen sie in Soloausflüge und klingen im Stillen aus. Sie liefern eindringliche, nachdenkliche, tanzbare Musik.

Und wenn die Texte teilweise in die tiefsten Trivialitäten des Lebens und der Liebe führen, so werden diese doch so eindrucksvoll besungen, dass sie ergreifen. Und nichts erscheint mehr nichtig, wenn es dir fünfstimmig und inbrünstig entgegengesungen wird und wenn es sich in einen dröhnenden Groove einfügt, der zur Bewegung zwingt. Und es ein ausverkaufter Heimathafen mitsingt. In diesen Momenten ist der Club eingenommen, der alte Saal hat einen neuen Sinn gefunden und richtet sich auf das passiv beleuchtete Balthazar-Logo aus, die vielmehr über allem zu schweben scheint, als der Stuck und die Holztribüne es je vermögen.

Die Show hinterlässt bleibenden Eindruck. Klar, die kleinen Balthazar erfahren momentan ein enormes Wachstum und sie können mittlerweile ganz andere Räume ausfüllen. Die Nummer kann überall funktionieren. Aber irgendwie wird man den Eindruck nicht los, dass es richtig war, sie sich im Heimathafen anzugucken.

 

Gregor