We were promised Jetpacks mit Fatherson im Lido, Berlin 27.09.2014

Indie-Rock ist großartige Musik. Unabhängig, individuell und handgemacht. Und verliert eine Band eines dieser Ideale, dann ist sie eben keine Indie-Rock-Band mehr. Aber ist es nicht etwas komisch, dass selbst gestandene Liebhaber des Genres, die sich seit Jahren auf Konzerten tummeln, überrascht sind, wenn auf einmal eine Band daherkommt, die vor allem durch außergewöhnlich guten Gesang strahlt? Ist es nicht merkwürdig, Fan einer Musikrichtung zu sein, bei der es nicht darum geht, Talent zu zeigen und anstatt große Virtuosität an den Tag zu legen, vielmehr einfach etwas Schönes aus dem zu machen, was man hat? Ich mein, das ist doch Indie. Da haben doch gute Sänger gar nichts verloren. Die können doch Folk machen, wenn die gut singen können. Aber sie sind eben nicht dazu verpflichtet.

 

Dachte sich Schotte, Sänger und Gitarrist Adam Thompson und gründete 2003 mit Schulfreunden die Band We Were Promised Jetpacks. Jetzt sind sie groß und zehren Album um Album von dem Sound, den sie geschaffen haben: Gitarrenrock. Unabhängig, individuell, handgemacht und wuchtig durch einen Gesang, der sich in jeden Ton kniet. Umso mehr noch, wenn sie live spielen. Im Moment sind sie mit ihrer dritten LP Unravelling auf Tour und haben dankenswerterweise am 27.9. im Lido angehalten. Mit Fatherson hatten sie eine Vorband am Start, die Arsch auf Eimer ins Programm passt. Ganz so, als würde sich eine Subkultur vorstellen. Und Fatherson sehen auch noch so aus, als würden sie Folk machen. Mit Bärten über den Babyfaces. Vatersöhnchen halt.

 

Die Auftritte beider Bands selbst wurden vortrefflich inszeniert. Kein Rampenlicht auf die Musiker, dafür in ihrem Rücken eine Wand aus Suchscheinwerfern, die passiv durch sie durch über das Publikum hinweg strahlten. Dadurch entsteht ein anderes Raumverhältnis als normalerweise auf Konzerten. Bühne und Publikumsraum sind keine getrennten Räume. Beides verschwimmt und durch alles dringt die Musik.

 

We were promised Jetpacks strahlten Erfurcht vor ihrem Publikum aus. Statt einstudierter Ansagen bedankten sie sich in jeder Unterbrechung unzählige Male, als wollten sie sagen: „Es ist unfassbar, dass ihr alle wirklich gekommen seid und unsere Musik euren niedrigen Ansprüchen genügt!“ Und auch ihr Set lief nicht stumpf auf die bekannten Songs zu, sondern fuhr mit vielen feinen Übergängen auf. Quiet Little Voices etwa fand seinen Platz genau an der richtigen Stelle, mitten im Set. So muss das. Danach kommen die Zugaben. Und doch wirkte es fast so, als würde sich die Band hinter ihren eigenen Songs verstecken, denn sie sind das blanke Gegenteil einer Showband. Die Show ist die Musik. Und manchmal schien es, als wäre ihre Musik eine Maschine, bei der keiner aus der Band riskieren möchte, einen falschen Knopf zu drücken. Der gesamte Auftritt verbleibt wie ein Understatement auf ihre Musik. Doch das macht sie eben aus, die meinen das ernst.

Gregor

Foto: John Heidkamp

Foto: John Heidkamp

Kraftklub, Geheimkonzert an der Hoppetosse, Berlin 18.9.2014

Komisch, noch vor ein paar Wochen konnte ich mich in der Sicherheit wähnen, dass ich, wenn ein Kraftklub-Konzert ansteht, alle Texte mitsingen kann. Das beruhigt ungemein, wenn man in der Badewanne sitzt. Dann kam aus dem Nichts eine Vorabsingle und vor ein paar Tagen ein neues Album. Kein Grund zur Beunruhigung, dachte ich, bis zur Tour ist es ja noch ein bisschen. Aber nein, Kraftklub überrennen weiter.

 

Und plötzlich finde ich mich auf einem Parkplatz zwischen Arena Treptow und Spree wieder, am Anleger der Hoppetosse. Um mich rum 1000 Leute Publikum, von denen morgens noch keiner gewusst hat, dass dieses Konzert sie hier in den Sonnenuntergang begleiten würde. Vor mir einer dieser Red-Bull-Busse mit Bühnen auf dem Dach. Vielleicht ist es auch immer derselbe, aber jetzt war er plötzlich schwarz. Alles war in schwarz. Fuhrwerk, Bierbuden, Crew und die Band: Kraftklub. Die an jenem 18.9. ein kostenloses Exklusivkonzert ihrer Geheimtour „Konvoi in Schwarz“ zum Besten gaben.

 

Foto: Katharina Grosse

 

Um sechs war Einlass, um sieben erklomm die Band den Bus. Und dann geschah es plötzlich. Ich stand auf einem Kraftklub-Konzert und war scheinbar der einzige, der die Texte nicht kannte. Das neue Album war zu dem Zeitpunkt seit sechs Tagen draußen und ein begeisterter Mob schrie ihnen jedes Wort entgegen, tanzte, hüpfte, machte alles mit. Zugegeben, ein paar Lieder gingen bei mir doch. Aber das waren dann die Hits vom alten Album, die eh jeder mitsingen kann, der ab und zu Radio hört. Im Ernst, wen wundert noch, dass ein tausendstimmiger Chor in Berlin vor einer Kulisse aus Spree, Oberbaumbrücke und Fernsehturm mitgrölt, dass er nicht nach Berlin will? Die Zugezogenen aus dem Creative-Bereich genauso laut wie ihre Hasser. Überhaupt, eine witzige Runde auf dem Konzert. Fünfzehnjährige, die sich darüber unterhalten, dass sie die Band schon kannten, als sie zwölf waren. Mittdreißiger, die darüber reden, dass Kraftklub sie an die frühen Beatsteaks erinnern. Eine Meute Presseleute. Live übertragende Radiofritzen. Leute mit Videokameras. Eine aufmerksame Spiegelreflexfront, ein wippender Biergürtel. Alles dabei.

 

Foto: Katharina Grosse

 

Kraftklub stellen mit einem einstündigen Set nicht zum ersten Mal unter Beweis, dass sie diejenige deutsche Band sind, die sich am besten auf PR versteht. Ihr neues Album knüpft nahtlos da an, wo bei ihrer ersten Platte die Nadel abgesetzt hat: Prägnante Riffs, clevere Songs, griffige Hooklines, ironische Texte, die ihren Kritikern die Themen klauen. Es gelingt, auf In Schwarz, die Ideen von Mit K auf den Stand von 2014 zu münzen. Immer noch singen sie über Gentrifizierung, Rüpeltum und das uncoole Gefühl, verliebt zu sein. Neu sind Songs über Kommerzialisierung. Sie sind nicht mehr die Band, die aus dem Nichts plötzlich einfach da ist. Aber ihr schlagartiges Comeback löst einen ähnlichen Effekt aus, an den man sich alle paar Jahre gewöhnen könnte. So lange sie es schaffen, immer aktuell zu bleiben, ist da auch kein Ende abzusehen.

 

Kraftklub live geht auf jeden Fall immer. Sie beherrschen ihr Publikum. Und erwecken dabei stets den Eindruck, kleine pöbelnde Jungen zu sein, die einfach mal gucken, wie weit sie mit der Nummer kommen und sich dann ein Schmunzeln nicht verkneifen können, wenn sie merken, wie gut es klappt. Und es klappt verdammt gut. Zwischendurch erzählt ihr Frontturner Felix Brummer nicht ohne Stolz von der erschreckenden Verletztenliste ihrer „Konvoi-In-Schwarz“-Tour, mahnt zur Vorsicht vor herausspringenden Kniescheiben und brechenden Knöcheln, lädt aber einen Song später wieder zum Crowdsurfen ein. Das dominierende Gefühl des Abends heißt YOLO.

Foto: Katharina Grosse

 

Als der Konvoi schwarzer Trucks voller schwarzgekleideter Musiker und Crewmitglieder, denen das Auftreten als Bande gelingt, Berlin wieder verlässt, verbleiben 1000 Leute, die sich ebenfalls ein Schmunzeln nicht verkneifen können. Den Rotzlöffeln von Kraftklub ist ihre Promotour sehr wohl gelungen. Mag man ja nicht zugeben. Klar, der Merch ging weg wie warme Schrippen, doch um Käufe zu betteln wäre unter ihrem Niveau. Appell des Abends: „Wir sind Kraftklub. Wenn ihr es noch nicht getan habt, dann ladet euch unser neues Album illegal runter! Und wenn es euch gefällt, dann kauft es euch!“ Oder eben nicht. Aber es nützt nichts. Schwarz steht ihnen gut.

 

Gregor