Vögel die Erde essen – Besuch von innen

Vögel die Erde essen lassen sich schwer einfangen. Das wissen Jäger seit langem, das kriegen aber auch Musikjournalistinnen im Moment zu spüren. In diesen Tagen veröffentlicht diese Band mit dem Namen, der in jedem Festival-Line-Up die schöne, homogene Bandnamenreihe sprengt, ihr Debütalbum Besuch von innen. Wer je etwas von ihnen gehört hat, weiß, dass es viel zu erwarten gibt. Eine Menge Chaos und drei mutige Musiker, die sich ihm stellen. Aber was passiert da genau?

Es gibt: sich überschlagendes Getrommel, einen knurrend treibenden Bass, oft heulende, kryptische, dissonante Gitarrenspuren. Und dreistimmigen Gesang, der sich irgendwo zwischen Frittenbude-/Deichkind-Lebensparolen und Falsettarien bewegt. Wenn sich letztere hymnisch über einen vollen Groove-Rock-Sound erheben, erinnert die Band vom Sound her fast ein wenig an Muse. Was natürlich erstmal eine Palette ist. Aber alles ist momenthaft. Irgendwie ergeben sich auch immer mal Punk oder Noise Rock, wofür ihr Sound am Ende aber dann doch viel zu experimentell ist. Textlich wie musikalisch suchen die drei stets gemeinsam das Absurde, richten sich liebevoll darin ein und hauen alles wieder kaputt. Aber diese drei Phasen fressen sich so geschickt ineinander, dass ihre Musik eine ständige Unruhe produziert, was ihnen wie ihren Hörerinnen aber auch ziemlich viel abverlangt. Die Musik von Vögel die Erde essen ist bestimmt nicht für alle was und sicher keine Tischmusik. Aber dafür sind sie auch nicht angetreten: Wer komplexe Musik sucht, kommt voll auf seine Kosten.

In ihrer Verspieltheit erinnern sie, wenn man sie denn unbedingt vergleichen möchte, am ehesten noch an Bands wie The Mars Volta. Aber ihre Einflüsse erscheinen so unterschiedlich zu sein, dass man sie in jedem Fall von jedem Vorwurf freisprechen muss, es sich in einem Erbe bequem zu machen. Was sie hingegen wirklich charakterisiert, ist die ständige Wachheit, mit der sie ans Werk gehen. Sie sind sich schlicht für nichts zu schade und erspielen sich dadurch eine erfrischende Vielseitigkeit, die ihr Album Besuch von innen prägt.

Ein Beispiel: Der Song fahrstuhl nach unten fängt mit einem melancholischen Gesang an. Irgendwer singt ruhig, aber bedacht, einen Text in ein Mikrofon und singt so etwas wie: „In einer U-Bahn unter dem Meer … Das ist jetzt 150 Jahre her … Und ihr Quietschen reicht bis an den Strand … Und die Fische gehen langsam an Land“. Das hat der Song mit allen anderen des Albums gemeinsam – ständig ergeben sich Bilder, niemals ein vollkommen gedeckter Sinn. Später driftet das Lied ins Psychedelische ab, erreicht irgendwann einen Punkt, in dem er in ein apokalyptisches Finale münden könnte, zerfällt dann aber doch freiwillig in seine Elemente und ergibt sich dem Chaos, aus dem er kam.

Diese Unberechenbarkeit prägt ihren Sound und verspricht eine interessante Zukunft mit der jungen Band, der nichts im Wege zu stehen scheint. Außer dem Chaos selbst eben. Kein Wunder eigentlich, dass sie bei Kreismusik gelandet sind, dem Label, das auch Käpt‘n Peng trägt. Dort scheint sich ja ohnehin eine kleine Do-It-Yourself-Avantgarde zu versammeln, die aufmerksam beobachtet werden sollte. Besuch von innen auf jeden Fall ist eins der Alben der Stunde.

 

Gregor

 

 

M E T R Y K – Gold of Pleasure

METRYK (gerne auch suchmaschinenfeindlich „M E T R Y K“ geschrieben) kommen aus Berlin und machen eine Art synthetischen Postpop, den sie auf ihrer Debüt-EP Gold of Pleasure präsentieren. Doch wer sind sie und was machen sie da?

Mit weiblichem Gesang und versierten Instrumtalspuren haben METRYK von den Voraussetzungen her durchaus Ähnlichkeit mit CHVRCHES, denen ja hin und wieder vorgeworfen wird, ihre Songs klingen nach Disney-Jingles. Hier erschöpft sich die Ähnlichkeit bereits, denn dieser Vorwurf trifft auf METRYK in keiner Weise zu: Ihre Musik ist deutlich subtiler und fast eine entfremdete Variante des Sounds von CHVRCHES, in der Beats im Zweifelsfall vermieden oder auf das Nötigste wie den „broken beat“-Abschlag reduziert werden. Zentraler ist das Zusammenspiel eines komplexen Klangmosaiks aus effektgeladenen Synthies- und Gitarrensounds über hohlen Basstönen, durch die sich eine weiche Stimme schleicht.

Einzelne hohe Synthiepassagen oder ausklingende Gitarrenakkorde bringen eine Art Bedrücktheit in die Songs, die außergewöhnlich ist, da sie keine Schwere in die Musik legt. Durch sie dringt eine Art Tristess und Weltschmerz durch, die jede gute Zeit ungenießbar zu machen vermögen. Wie am letzten schönen Tag vor einem langen Winter: Dieses unerträglich Leichte im Sein findet einen Ausdruck. Wenn man es lässt.

Auffällig ist aber vor allem auch der abwesende, hauchige Gesang, der fast etwas nach Triphop klingt. Doch das Ganze ist kein Triphop. Auch hier fehlt die Schwere. METRYK haben damit sicher auch von Bands wie Daughter oder The XX gelernt und begeben sich damit in gute Gesellschaft. Aber sie verstoßen an vielen Stellen immer wieder die Intimität, die ihre Musik erzeugen könnte.

Oft wirkt ihre Musik statisch, robotisch, fast metrisch („metrysch“) am Reißbrett bzw. Computer entworfen und sorgfältig ausproduziert. Dennoch schaffen sie es, über die gesamte EP hinweg eine gewisse Spannung zu halten. Nur läuft diese Spannung im Gesamtkontext der Platte ins Leere, sodass sich bei allem, was sich in die Songs hineinhören lässt, nicht heraushören lässt, warum sie überhaupt geschrieben und aufgenommen wurden.

Das kann allerdings ein wertvolles Stilmittel sein und macht sie, andersherum betrachtet, ja vielleicht gerade interessant. Denn ihre Musik lässt Fragen offen und lässt einen nicht direkt wieder los. Und vielleicht ist es ja gerade diese Scheiß-drauf-Einstellung aus dem Rock, die in der Landschaft dieses experimentellen Synthpops fehlt, den sie betreiben. Auf jeden Fall macht Gold Of Pleasure Lust auf mehr und Lust auf live. Denn auch wenn bzw. gerade weil sie ihn nicht verraten möchten, klingt doch durch, dass METRYK bei dem, was sie tun, einen vielversprechenden Plan verfolgen.

 

Gregor

Maximilian Hecker im Privatklub, Berlin 22.1.2015

Foto by John Heidkamp

Wer hat Angst vor Maximilian Hecker? Keiner – könnte man denken. „Blöde Frage“, müsste man einwenden. Aber so einfach ist es nicht. Das (und vieles mehr) zeigte sich am 22.1.2015 bei seinem Konzert im Privatklub. Dort gab Maximilian Hecker einige Facetten seines Seins und Wirkens zum Besten. Dabei waren es eigentlich zwei Shows ineinander.

 

In der ersten Show fand sich ein introvertierter, virtuoser Musiker mit dem Rücken zu seinem Publikum auf einem Schemel wieder und spielte auf Gesang und Klavier heruntergebrochene, elementare Versionen seiner Songs. Ab und zu griff er zur Gitarre und setzte sich damit in die andere Bühnenhälfte. Seinen Mikrofonständer nahm er mit – keine Roadies, keine Umstände. Er zeigte sein Format, gab preis, was er kann. Es ging um die Musik, das Ganze wirkte sphärisch, authentisch, intim.

 

Die zweite Show spielte weitgehend zwischen den Songs. Ein Entertainer erzählte auswendiggelernte Witze, las Anekdoten aus seiner flapsig geschriebenen Autobiographie vor und versuchte sich unbeholfen an Publikumsinteraktionen. Die Witze waren dabei immer wieder dieselben und damit, dass Leute auf seine Fragen antworteten, konnte er nicht umgehen. Seltsam waren ständig wiederholte Ansagen wie „Freddy Mercury würde jetzt diese Bewegung machen“ oder „Na, Berlin! Gut, dass Wochenende ist, was?“. Denn keiner war für Freddy Mercury da. Und es war Donnerstag.

 

Im Hintergrund erschienen während alledem übergroß Einblendungen seines Namens und Videos, die neben Impressionen von Touren vor allem eines zeigten: sein Gesicht. In schnellgeschnittenen Sequenzen präsentierte sich ein neugieriger, enthusiastischer Maximilian Hecker. Seltsam nur, dass sich genau der Maximilian Hecker zeitgleich am Klavier fast hundertprozentig anders gab und sein reales Gesicht lieber völlig verbarg. Oder sich hinter einer Wand aus vorformulierten Ansagen versteckte. Irgendetwas passte da nicht zusammen. Vor irgendetwas hatte er Angst. Aber wovor?

 

Seine neue Platte Spellbound Scenes of my Cure ist erst seit kurzem draußen, erlangte bereits hohe Präsenz in den Medien und konnte gute Kritiken einfangen. Läuft doch. Gut, in Deutschland gilt er immer noch als Außenseiter, während er in Asien bereits große Hallen bespielt. Aber wie heißt es so schön? „It’s easy when you’re big in Japan“. Also warum so schwer?

 

Ein Indiz befindet sich auf dem Album: Es folgt einem Konzept und erzählt von acht Zufluchtsorten, darunter ein Flughafendorf bei Kopenhagen, den er abends erreicht, ein Billighotel in Berlin-Henningsdorf, in dem er Silvester verbringt, und eine Hotellobby in Peking, in die es ihn nachts verschlägt. Zum einen bieten diese „places not to be“ ihm Geborgenheit und die nötige Selbsterfahrung, aus der er sein kreatives Potenzial zieht. Zum anderen impliziert dieser überschwängliche Ausdruck des Angekommenseins bereits immer schon die Notwendigkeit einer vorausgehenden Flucht. Nur wovor flüchten? Vor den Fans und dem Rummel um ihn? Oder vor dem, dem sie alle hinterherrennen? Es scheint, als sei das, was nicht zusammenpasst zum einen die Marke Maximilian Hecker und zum anderen Maximilian Hecker selbst, der Mensch hinter der Marke.

 

In einem Interview hat letzterer mal gesagt, dass ihm Fans, die ihn anhimmeln, immer leidtun, denn sie kennen ihn ja eigentlich gar nicht und ergeben sich einer Projektion. Aber wie soll man ihn auch besser kennenlernen? – Klar, seine Songs handeln von ihm selbst, sogar von Selbsterfahrungen, dem Intimsten. Aber dazu muss man es auch erstmal schaffen, das wieder herauszuholen, was er hineinsteckt. Und das ist bei einer endproduzierten Platte mit Streichern und Backingvocals, die an Orten spielt, an denen die meisten Menschen noch nie waren, gar nicht so leicht. Wüsste man es nicht besser, könnte zum Beispiel ein Songtitel wie „To Liu Wen, The Opposite House, 3 A.M.“ eher nach Stalking klingen als nach einem nächtlichen Absacker in einer Hotellobby, in die man immer mal wollte. Und gerade die Art von sphärischem Postpop, den er betreibt, lebt doch durch Leerstellen.

 

Gute Musik erzeugt beim Anhören Bilder. Und die sind in den allermeisten Fällen nunmal anders als die Bilder, die ihr Komponist oder Interpret hineingelegt hat. Zu einem Abgleich der Bilder verabredet man sich dann zu Konzerten. Dort elementare Versionen zu spielen, ist dafür ein schöner Ansatz. Könnte auch dabei helfen, Mensch und Marke auf der Bühne wieder zusammenzuführen. Aber im Privatklub war irgendwie von dem Menschen nichts zu sehen. In den Songs konnte man ihn hören und dabei seine Konturen betrachten. Sonst war da nur die Marke bzw. Maske, die allseits geliebte (und in einem Ausnahmefall gefürchtete) Projektion, die alles Persönliche immer wieder durchbrach. Schade. Vorschlag: Witzebuch weg, Beamer aus, Klavier zum Publikum und das Ganze nochmal von vorn. Nur keine Angst vor Maximilian Hecker, Maximilian Hecker. Er steht dir bestimmt, probier’s aus!

 

Gregor

Maximilian Hecker im Privatclub

Maximilian Hecker im Privatclub

Maximilian Hecker im Privatclub

Maximilian Hecker im Privatclub

Maximilian Hecker im Privatclub

Maximilian Hecker im Privatclub

Vorschau: Maximilian Hecker im Privatklub, Berlin 22.1.2015

Was geht eigentlich grad bei Maximilian Hecker, diesem Freigeist, Weltenbummler und ständig Suchenden? Der seine Eindrücke von Orten, vom Leben, Leiden und Sein vertont und dessen Musik klingt, als wäre er auch dann auf Reisen, wenn er einfach nur daliegt?

 

Genau bei diesem Maximilian Hecker geht am 22. Januar mal wieder ein Konzert in Berlin klar, wo er ja eigentlich auch ab und zu mal wohnt, wenn er nicht gerade durch Asien tourt oder durch dänische Dörfer wandert. Und ganz ohne Grund kommt er nicht. Immerhin ist diese Woche eine neue Platte von ihm rausgekommen, die viel verspricht, aber noch ein paar Fragen für live offenlässt. Die sollten sich am Donnerstag im Privatklub klären. Wir gucken uns das mal an. Und ihr? Für alle Fälle gibt’s hier nachher einen Konzertbericht.

Niels Frevert – Paradies der gefälschten Dinge

Mit seinem Album Paradies der gefälschten Dinge stellt sich Niels Frevert in die Tradition dieser Nordsee-Chansons, die einst Hans Albers aus den Shantys heraus ausgeprägt hatte, die, um absurde Metaphern bereichert, zuletzt durch Bands wie Element of Crime im Indierock aufblühten. Doch Frevert gibt ihnen spätestens auf seiner nunmehr sechsten Studioveröffentlichung eine neue Richtung und nähert sehnsüchtige Kantholztexte und kratzigen, unbeirrten Gesang an radiotaugliche Sounds an. Gar nicht so dumm, gar nicht so leicht.

 

Und es geht um die großen Institutionen. Mit Morgenshows und Flitzerblitzern. Wo Madonna läuft. Und Herbert Grönemeyer. Bei Letzterem mit seinenGrönland Records steht er auch seit kurzem unter Vertrag. Und genau das scheint es zu sein, was das Label ausmacht: zwischen Individualkünstlern und Radios zu vermitteln, das „Besondere“ einfangen und zugänglich machen, den Mainstream erweitern. Evidenzen finden sich bei BoyPhilipp Poisel,GloriaWilliam Fitzsimmons und natürlich Herbert himself, die sich ansonsten alle gemeinsam schwer über einen Kamm scheren ließen.

 

Doch zu Album. Nadel im Heuhaufen, der erste Song, ist der Vertrag mit dem Publikum – zeitlos instrumentiert, mit Klavier, Akustikgitarre, dezenter Rhythmusgruppe, Streichern, Bläsern. Musikalisch geschlossen, textlich offen für alles. Das zieht sich auch die verbleibende restliche halbe Stunde Spielzeit durch die Songs. Über ein weiches Soundbett klettert ein nachdenklicher Gesang, der viel zu wach ist, um sich einlullen zu lassen und sich Popsongs zu ergeben. Textlich hangelt er sich, wie in einem Jump-n-Run-Spiel, zwischen verschiedenen Definitionen des Glücks, der Liebe und des guten Lebens durch den Melodiedschungel, und versucht fasziniert, ihre Widersprüchlichkeiten einzufangen: die Geburt der Metaphern. Von hier an entstehen wie moderne Kunst die abstrakten Bilder, die das Album packend machen. Die bunte Collage einer komplexen Seelenwelt. Dann landet ein Ufo senkrecht auf dem Kirchentag. Oder die erstklassige Frau und der zweitklassige Typ treffen sich im Speisewagen.

 

Frevert hat begriffen, dass sich aus den vielen kleinen Detailansichten eines Lebens ja eh keine Geschichte ergeben. Sonst wär ja alles gut. Also baut er lieber Kunstwerke aus dieser Einsicht. Dramatisch werden seine Songs an Stellen, an denen eine Distanz spürbar wird zwischen dem, was er singt, und der Art, wie er es singt. Wenn sein Erzähler beginnt, die Konsequenzen seiner melancholischen Weltbetrachtungen zu ziehen und zugunsten der anderen Abstriche seines eigenen Glücks macht. Wenn Sehnsüchte durchklingen.

 

Und manchmal laufen ausschweifenden Monologe auf simple Formeln zu, die dankbar von den Instrumenten aufgefangen werden, als hätten sie nur drauf gewartet. Daraus ergeben sich überraschende Hooks, die nicht vorauszusehen waren. „Und plötzlich will ich irgendwann mal alt werden“. Frevert spielt mit seinem Publikum. Und beherrscht das Spiel. Er verweigert sich Taktschemen, was das Album letztlich sogar ein wenig jazzig macht. Dennoch bleibt es stilistisch schwer einzuordnen. Auch Versmaß- und Reimschemenanalysen der Texte würden in die Verzweiflung führen. Niels Frevert schafft seine eigenen Kriterien, anhand derer man ihn bewerten muss. Und das ist Leistung genug, doch auch die Kür geht ihm leicht von der Hand. Doch er macht nicht viel Aufsehen darum. Nichts ist unnötig aufgeblasen, am Ende klingt die Platte einfach ruhig aus. Ohne Finale, ohne Hymne. Zu Recht erhält Frevert also mit seinem aktuellen Album die Aufmerksamkeit, die er verdient. Trotzdem würde ihm eine Kritik nicht gerecht, die nicht wenigstens mit einem widersprüchlichen Fazit abschließt.

 

Also: Paradies der gefälschten Dinge ist zeitloser Zeitgeist. Es hätte zu jeder Zeit funktioniert, wäre aber immer etwas Besonderes gewesen.

 

Gregor