Maximilian Hecker im Privatklub, Berlin 22.1.2015

Wer hat Angst vor Maximilian Hecker? Keiner – könnte man denken. „Blöde Frage“, müsste man einwenden. Aber so einfach ist es nicht. Das (und vieles mehr) zeigte sich am 22.1.2015 bei seinem Konzert im Privatklub. Dort gab Maximilian Hecker einige Facetten seines Seins und Wirkens zum Besten. Dabei waren es eigentlich zwei Shows ineinander.

 

In der ersten Show fand sich ein introvertierter, virtuoser Musiker mit dem Rücken zu seinem Publikum auf einem Schemel wieder und spielte auf Gesang und Klavier heruntergebrochene, elementare Versionen seiner Songs. Ab und zu griff er zur Gitarre und setzte sich damit in die andere Bühnenhälfte. Seinen Mikrofonständer nahm er mit – keine Roadies, keine Umstände. Er zeigte sein Format, gab preis, was er kann. Es ging um die Musik, das Ganze wirkte sphärisch, authentisch, intim.

 

Die zweite Show spielte weitgehend zwischen den Songs. Ein Entertainer erzählte auswendiggelernte Witze, las Anekdoten aus seiner flapsig geschriebenen Autobiographie vor und versuchte sich unbeholfen an Publikumsinteraktionen. Die Witze waren dabei immer wieder dieselben und damit, dass Leute auf seine Fragen antworteten, konnte er nicht umgehen. Seltsam waren ständig wiederholte Ansagen wie „Freddy Mercury würde jetzt diese Bewegung machen“ oder „Na, Berlin! Gut, dass Wochenende ist, was?“. Denn keiner war für Freddy Mercury da. Und es war Donnerstag.

 

Im Hintergrund erschienen während alledem übergroß Einblendungen seines Namens und Videos, die neben Impressionen von Touren vor allem eines zeigten: sein Gesicht. In schnellgeschnittenen Sequenzen präsentierte sich ein neugieriger, enthusiastischer Maximilian Hecker. Seltsam nur, dass sich genau der Maximilian Hecker zeitgleich am Klavier fast hundertprozentig anders gab und sein reales Gesicht lieber völlig verbarg. Oder sich hinter einer Wand aus vorformulierten Ansagen versteckte. Irgendetwas passte da nicht zusammen. Vor irgendetwas hatte er Angst. Aber wovor?

 

Seine neue Platte Spellbound Scenes of my Cure ist erst seit kurzem draußen, erlangte bereits hohe Präsenz in den Medien und konnte gute Kritiken einfangen. Läuft doch. Gut, in Deutschland gilt er immer noch als Außenseiter, während er in Asien bereits große Hallen bespielt. Aber wie heißt es so schön? „It’s easy when you’re big in Japan“. Also warum so schwer?

 

Ein Indiz befindet sich auf dem Album: Es folgt einem Konzept und erzählt von acht Zufluchtsorten, darunter ein Flughafendorf bei Kopenhagen, den er abends erreicht, ein Billighotel in Berlin-Henningsdorf, in dem er Silvester verbringt, und eine Hotellobby in Peking, in die es ihn nachts verschlägt. Zum einen bieten diese „places not to be“ ihm Geborgenheit und die nötige Selbsterfahrung, aus der er sein kreatives Potenzial zieht. Zum anderen impliziert dieser überschwängliche Ausdruck des Angekommenseins bereits immer schon die Notwendigkeit einer vorausgehenden Flucht. Nur wovor flüchten? Vor den Fans und dem Rummel um ihn? Oder vor dem, dem sie alle hinterherrennen? Es scheint, als sei das, was nicht zusammenpasst zum einen die Marke Maximilian Hecker und zum anderen Maximilian Hecker selbst, der Mensch hinter der Marke.

 

In einem Interview hat letzterer mal gesagt, dass ihm Fans, die ihn anhimmeln, immer leidtun, denn sie kennen ihn ja eigentlich gar nicht und ergeben sich einer Projektion. Aber wie soll man ihn auch besser kennenlernen? – Klar, seine Songs handeln von ihm selbst, sogar von Selbsterfahrungen, dem Intimsten. Aber dazu muss man es auch erstmal schaffen, das wieder herauszuholen, was er hineinsteckt. Und das ist bei einer endproduzierten Platte mit Streichern und Backingvocals, die an Orten spielt, an denen die meisten Menschen noch nie waren, gar nicht so leicht. Wüsste man es nicht besser, könnte zum Beispiel ein Songtitel wie „To Liu Wen, The Opposite House, 3 A.M.“ eher nach Stalking klingen als nach einem nächtlichen Absacker in einer Hotellobby, in die man immer mal wollte. Und gerade die Art von sphärischem Postpop, den er betreibt, lebt doch durch Leerstellen.

 

Gute Musik erzeugt beim Anhören Bilder. Und die sind in den allermeisten Fällen nunmal anders als die Bilder, die ihr Komponist oder Interpret hineingelegt hat. Zu einem Abgleich der Bilder verabredet man sich dann zu Konzerten. Dort elementare Versionen zu spielen, ist dafür ein schöner Ansatz. Könnte auch dabei helfen, Mensch und Marke auf der Bühne wieder zusammenzuführen. Aber im Privatklub war irgendwie von dem Menschen nichts zu sehen. In den Songs konnte man ihn hören und dabei seine Konturen betrachten. Sonst war da nur die Marke bzw. Maske, die allseits geliebte (und in einem Ausnahmefall gefürchtete) Projektion, die alles Persönliche immer wieder durchbrach. Schade. Vorschlag: Witzebuch weg, Beamer aus, Klavier zum Publikum und das Ganze nochmal von vorn. Nur keine Angst vor Maximilian Hecker, Maximilian Hecker. Er steht dir bestimmt, probier’s aus!

 

Gregor

Maximilian Hecker im Privatclub

Maximilian Hecker im Privatclub

Maximilian Hecker im Privatclub

Maximilian Hecker im Privatclub

Maximilian Hecker im Privatclub

Maximilian Hecker im Privatclub

Vorschau: Maximilian Hecker im Privatklub, Berlin 22.1.2015

Was geht eigentlich grad bei Maximilian Hecker, diesem Freigeist, Weltenbummler und ständig Suchenden? Der seine Eindrücke von Orten, vom Leben, Leiden und Sein vertont und dessen Musik klingt, als wäre er auch dann auf Reisen, wenn er einfach nur daliegt?

 

Genau bei diesem Maximilian Hecker geht am 22. Januar mal wieder ein Konzert in Berlin klar, wo er ja eigentlich auch ab und zu mal wohnt, wenn er nicht gerade durch Asien tourt oder durch dänische Dörfer wandert. Und ganz ohne Grund kommt er nicht. Immerhin ist diese Woche eine neue Platte von ihm rausgekommen, die viel verspricht, aber noch ein paar Fragen für live offenlässt. Die sollten sich am Donnerstag im Privatklub klären. Wir gucken uns das mal an. Und ihr? Für alle Fälle gibt’s hier nachher einen Konzertbericht.

Niels Frevert – Paradies der gefälschten Dinge

Mit seinem Album Paradies der gefälschten Dinge stellt sich Niels Frevert in die Tradition dieser Nordsee-Chansons, die einst Hans Albers aus den Shantys heraus ausgeprägt hatte, die, um absurde Metaphern bereichert, zuletzt durch Bands wie Element of Crime im Indierock aufblühten. Doch Frevert gibt ihnen spätestens auf seiner nunmehr sechsten Studioveröffentlichung eine neue Richtung und nähert sehnsüchtige Kantholztexte und kratzigen, unbeirrten Gesang an radiotaugliche Sounds an. Gar nicht so dumm, gar nicht so leicht.

 

Und es geht um die großen Institutionen. Mit Morgenshows und Flitzerblitzern. Wo Madonna läuft. Und Herbert Grönemeyer. Bei Letzterem mit seinenGrönland Records steht er auch seit kurzem unter Vertrag. Und genau das scheint es zu sein, was das Label ausmacht: zwischen Individualkünstlern und Radios zu vermitteln, das „Besondere“ einfangen und zugänglich machen, den Mainstream erweitern. Evidenzen finden sich bei BoyPhilipp Poisel,GloriaWilliam Fitzsimmons und natürlich Herbert himself, die sich ansonsten alle gemeinsam schwer über einen Kamm scheren ließen.

 

Doch zu Album. Nadel im Heuhaufen, der erste Song, ist der Vertrag mit dem Publikum – zeitlos instrumentiert, mit Klavier, Akustikgitarre, dezenter Rhythmusgruppe, Streichern, Bläsern. Musikalisch geschlossen, textlich offen für alles. Das zieht sich auch die verbleibende restliche halbe Stunde Spielzeit durch die Songs. Über ein weiches Soundbett klettert ein nachdenklicher Gesang, der viel zu wach ist, um sich einlullen zu lassen und sich Popsongs zu ergeben. Textlich hangelt er sich, wie in einem Jump-n-Run-Spiel, zwischen verschiedenen Definitionen des Glücks, der Liebe und des guten Lebens durch den Melodiedschungel, und versucht fasziniert, ihre Widersprüchlichkeiten einzufangen: die Geburt der Metaphern. Von hier an entstehen wie moderne Kunst die abstrakten Bilder, die das Album packend machen. Die bunte Collage einer komplexen Seelenwelt. Dann landet ein Ufo senkrecht auf dem Kirchentag. Oder die erstklassige Frau und der zweitklassige Typ treffen sich im Speisewagen.

 

Frevert hat begriffen, dass sich aus den vielen kleinen Detailansichten eines Lebens ja eh keine Geschichte ergeben. Sonst wär ja alles gut. Also baut er lieber Kunstwerke aus dieser Einsicht. Dramatisch werden seine Songs an Stellen, an denen eine Distanz spürbar wird zwischen dem, was er singt, und der Art, wie er es singt. Wenn sein Erzähler beginnt, die Konsequenzen seiner melancholischen Weltbetrachtungen zu ziehen und zugunsten der anderen Abstriche seines eigenen Glücks macht. Wenn Sehnsüchte durchklingen.

 

Und manchmal laufen ausschweifenden Monologe auf simple Formeln zu, die dankbar von den Instrumenten aufgefangen werden, als hätten sie nur drauf gewartet. Daraus ergeben sich überraschende Hooks, die nicht vorauszusehen waren. „Und plötzlich will ich irgendwann mal alt werden“. Frevert spielt mit seinem Publikum. Und beherrscht das Spiel. Er verweigert sich Taktschemen, was das Album letztlich sogar ein wenig jazzig macht. Dennoch bleibt es stilistisch schwer einzuordnen. Auch Versmaß- und Reimschemenanalysen der Texte würden in die Verzweiflung führen. Niels Frevert schafft seine eigenen Kriterien, anhand derer man ihn bewerten muss. Und das ist Leistung genug, doch auch die Kür geht ihm leicht von der Hand. Doch er macht nicht viel Aufsehen darum. Nichts ist unnötig aufgeblasen, am Ende klingt die Platte einfach ruhig aus. Ohne Finale, ohne Hymne. Zu Recht erhält Frevert also mit seinem aktuellen Album die Aufmerksamkeit, die er verdient. Trotzdem würde ihm eine Kritik nicht gerecht, die nicht wenigstens mit einem widersprüchlichen Fazit abschließt.

 

Also: Paradies der gefälschten Dinge ist zeitloser Zeitgeist. Es hätte zu jeder Zeit funktioniert, wäre aber immer etwas Besonderes gewesen.

 

Gregor

The Fever – Cheap Tattoo

Wenn The Fever in den drei Jahren seit ihrer Gründung etwas gelernt haben, dann ist es, sich in Szene zu setzen. Das fängt natürlich damit an, dass ihr Bandoutfit oberhalb der Gürtellinie nur aus ein paar Streifen Klebeband besteht, reicht aber weit in die Musik. Seit dem Umzug von Kalifornien nach Kreuzberg hat das Duo aus Sängerin und Gitarrist mit Liebe zu synthetischen Drums bereits eine Reihe von EPs ausgespuckt, die sich gewaschen haben.

 

Auf ihrer neuesten Erscheinung Cheap Tattoo zeigen sie zunächst, was sie nicht sind: Eine Band, die ihren Sound sucht. Eine Band, die sich zu ernst nimmt. Eine, die Wert auf tiefgründige Cover und Texte legt. Denn wenn man mal die Hard Facts betrachtet, verbergen sich hinter dem frechen lasziven Coverbild sechs scheinbar kleine Songs mit schlichten Sample-Rhythmen und prägnanten Lyrics.

 

The Fever verschenken also großzügig einfache Punkte. Warum? Weil sie’s können? Jap. Weil sie’s können. Das ist zwar an sich gewagt und auf jeden Fall nichts für Schülerbands. Aber bei The Fever zu einem wertvollen Stilmittel, das andere Bands plötzlich wie verzweifelte Spießer wirken lässt, während The Fever auf Cheap Tattoo beweisen, wie man aus jedem simpel plänkelnden Rhythmus einen reifen Rocksong holt.

 

Gut, klingt grundsätzlich alles etwas nach dem The Kills-Prinzip und die Ähnlichkeiten sind bestimmt nicht zufällig. Sei’s drum. Es geht ja um Musik und nicht um Prinzipien. Und die Kunst liegt in genialen Details. Und die reichen bei The Fever von griffigen Hooklines („I wear you like a cheap tattoo”) bis zu ‘ner Palette von Überraschungssounds. Da tanzen Gitarre, Synthies und Gesang auf schwermütigen Drums plötzlich wie Mäuse auf einem alten Sofa. Nicht zuletzt die ausgefeilte Produktion, in dem eine Menge Ahnung und Arbeit aufgehen, macht den Sound zu einem Original. Zu allem Überfluss klingt alles am Ende dann auch noch cool. Frechheit.

 

Link zur EP:

http://the-fever.bandcamp.com/album/cheap-tattoo-ep

Gregor

Andalucía – There Are Two Of Us

Die Gründung von Andalucía muss in etwa so gelaufen sein:

„Musik wär gut.“
„Ja, lass machen!“

Denn ihre jüngst erschienene Debüt-LP „There Are Two Of Us“ klingt wie das unbeirrte Spiel zweier Scheißdrauftypen, denen egal ist, was die anderen machen. Sollen die sich doch um High-End-Produktionen mit zurechgeschnibbeltem Gesang prügeln oder Bassisten beschäftigen. Andalucía prügeln lieber auf ihre Instrumente ein. Zusammen klingt das dann, als würden sich E-Gitarre und Schlagzeug einen Boxkampf liefern, dem man auf dem Album acht Runden lang lauschen darf. Der Gesang verziert das Ganze wie melancholische Nummerngirls, die sich, ihrer Schutzlosigkeit bewusst, bemühen, nicht in den Kampf hineingezogen zu werden. Die oft verzweifelten Spuren tragen zwar immer mal wieder maßgeblich zur Ästhetik und zum Erlebnis der Songs bei, werden aber im Gesamtsound zur Nebensache. Viel eher geht es bei dem Ganzen um pure Spielfreude.

Andalucía liefern letztlich eine clevere Performance ab, in der es gelingt, ihre Instrumente facettenreich zu inszenieren, stets bemüht um den entscheidenden Schlag. Da weiß man am Ende mal wieder zu schätzen, was in einer Jazzmaster steckt, wenn man durch gestaffelte Sounds alles aus ihr rausholt, oder kriegt allein schon mal wieder ein Gespür dafür, wie Toms klingen können, wenn sich kein Bass in die Frequenz mogelt. Wie Bauchschläge nämlich. Am Ende steht ein völlig eigener Sound aus verschroben ineinandergreifenden Rhythmen und verspielten Harmonien, eine authentische Ode an die Low Fidelity, die sagen will: „Das sind wir, so viel geht bei uns, hättet ihr nicht gedacht, was? Tja, was auch immer.“

Link zum Album: http://andaluciaandalucia.bandcamp.com/releases

 

Gregor