In den sozialen Netzwerken und diversen Medien scheint Erlend Øye so etwas wie der Künstler der Stunde zu sein. Als der Schmächtige mit der großen Brille stilisiert, strahlt er einen seit Wochen von nahezu allen (Web-)Seiten an. Dabei erlangt er durch seine eigenwillige Ästhetik aus zeitloser Fönfrisur, grellem Kassengestell auf der Nase und einem ständigen Bill-Gates-Schmunzeln auf den Lippen eine ungeheure Präsenz, die einem den Finger beim Weiterscrollen lähmt und zumindest kurz zum Mitschmunzeln animiert.

Obwohl er nie so weit im Vordergrund stand wie jetzt, ist Erlend Øye ein alter Bekannter. Und wer ihn noch nicht kennt, hat zumindest lange mit ihm koexistiert. Bereits 2001 hat er sein Studiodebüt im Duo Kings of Convenience gefeiert, und erst im Juni 2014 die Auflösung seiner Zweitband The Whitest Boy Alive bekanntgegeben. Offenbar sah er mal wieder den Zeitpunkt für ein neues Soloalbum gekommen, von denen er auch alle paar Jahre mal eins ausspuckt. Eine Fertigkeit, die Erlend Øye beherrscht, ist es, sich nach vorne zu lehnen und neue Horizonte zu erschließen.

 

Er hätte auf dem Album verschiedene Wege gehen können: die Akustikgitarrenmusik der Kings of Convenience fortsetzen, an den subtil funkigen Rock von The Whitest Boy Alive oder den Elektro-Sound seiner früheren Soloplatten anknüpfen können. Oder sich einer isländischen Reggae-Band anschließen können. Letzteres hat er getan. Es fällt schwer, griffige Hypothesen zu formulieren, die diesen Schritt erklären. Eine könnte wie folgt lauten: Wenn es ein Element gibt, dass Norwegen, die Heimat Øyes, mit seiner Wahlheimat Silizien verbindet, dann ist es der Einfluss des Golfstroms. Und der umströmt auch Island. Und er kommt aus der Karibik. Genau wie Reggae.

 

Grund genug also für ihn, den Sommer in einem Keller in Reykjavik zu verbringen und in Sessions ein faszinierend liebevolles Album auszuarbeiten, das mittlerweile unter dem Namen Lagao veröffentlicht wurde. Seine neue Band hört auf den Namen The Rainbows und verkörpert für sich genommen par excellence etwas, das man den FriskaViljor-Effekt nennen könnte: Sie sehen aus wie Wikinger und klingen wie ABBA. Nur entspannter. Aus handgemachtem Offbeat-Pop bauen sie Øye, dem bunten Vogel, ein musikalisches Nest, in dem er neu erfinden kann, was er immer macht und was sein Werk eint.

 

Sein Albumcover, auf dem sein Kopf inmitten einer psychedelisch-infantilen Hawaiihemd-Motivs erstrahlt, illustriert es: Er bringt Sachlichkeit in Landschaften. Noch viel mehr, wenn diese aus Musik sind. Seine Stimme allein strahlt mit Leichtigkeit eine herzliche Geborgenheit aus. Und da er sie ständig mit ureigener Faszination neu inszeniert, wird seinen Fans nicht langweilig. Immerhin scheinen ihn ein paar Akkorde und Wendungen wie diese vielen verspielten kleinen Gitarrenmelodien über die ganze Zeit hinweg zu begleiten.

 

Gegenüber seinem ruhigen Sound, dessen Manifest Quiet is the new Loud darstellt, sind seine musikalischen Entscheidungen ungeheuer virtuos. Vermutlich wussten viele seiner Fans noch gar nicht, dass sie Reggae mögen. Doch das Vertrauen darin, dass jede seiner Entscheidungen eine gute ist, ist mittlerweile so groß, dass 1200 Leute am Samstag neugierig ins Astra strömten, um einen Abend lang den gerade neugeborenen Erlend Øye zu begutachten. Die medialen Vorzeichen reichten aus, um den Club zumindest nahezu auszuverkaufen.

 

Was genau er mit seinem neuen Projekt vorhatte, wird live klar: Erlend Øye wollte einfach mal seine Fangemeinde zusammentrommeln und mit ihnen tanzen. Und dabei ist es nicht im Geringsten so, als würde er The Rainbows zu diesem Zweck ausnutzen. Vielmehr prägte den mehr als zweistündigen Auftritt vor allem ein gegenseitiger Respekt der Musiker. Die Band, allesamt Multiinstrumentalisten, überraschte mit vielseitigen Sounds, die auf einer Skala zwischen Fahrstuhlmusik und orchestralen Hymnen durch das Gesamtwerk Øyes, seine Schöpfung, führte, als hätte es nie eine Kluft zwischen Perfektionismus und Tanzmusik gegeben.

 

Mal waren acht Mann auf der Bühne, mal nur drei, dann mal wieder der entspannteste Frontman der Welt allein mit seiner Gitarre. Zwischendurch überließ der gar seinem Hammond-Organisten Siggi die komplette Bühne: einem bärtigen Zottel im WoistWalter-Outfit, der kurz an die Akustikgitarre gelassen wurde und inbrünstig auf Isländisch einen ErosRamazotti-ähnlichen Song präsentierte, während man Øye nur hinter der Bühne tanzen sah – mit seiner Art Hawaiikette aus Goldlametta, in einem blauem 90er-Hemd und grauer Bürohose. Das Wort „bizarr“ wird all dem nicht im Geringsten gerecht. Und eine letzte voluminöse Zugabe führte mit Posaune und Querflöte nochmal eindringlich ins Bewusstsein: Erlend Øye kann eigentlich alles. Zum Beispiel das Astra zum Springen bringen, und nicht nur The Rainbows folgen ihm blind. Wie einst die starken Männer Wickie folgten. Ähnlichkeiten sind tatsächlich unübersehbar.

 

Øye liebt schöne Dinge und hätte sein Leben genauso gut auf Wikingerraubzügen in der Südsee verbringen können. Nur hätte er sie vermutlich benutzt, um Schmetterlinge zu sammeln. Zwar kann niemand ihn voraussehen, doch Erlend Øye findet immer seinen Weg. Dankbarerweise macht er Musik. Ebenfalls kündigte er mit ein paar kurzen Nummern sein nächstes Projekt an: ein Album mit italienischen Schlagern. Warum eigentlich nicht? Hoffentlich folgen ihm die starken Männer. Das Astra wird sicher zur Stelle sein.

Gregor