Wer ist Jamie T? Warum ist bei seinen Konzerten so viel los? Beides schwer zu sagen. 2007 war er plötzlich einfach da und schoss mit seiner Panic Prevention in die britischen Top 10, einem Album, das klang, als wäre es im Rausch einer durchzechten Nacht entstanden. Chaos statt HiFi also, Jamie Tals Antikünstler. Aber warum der Erfolg? Er hat damals einen Nerv getroffen und irgendetwas richtig gemacht. Genretechnisch ist seine Musik allerdings schwer zu fassen. „Indietrashhiphopbritpoprock“ könnte gehen, wird ihm aber, zumal etwas sperrig, nicht gerecht. Irgendwie kommt er ja auch aus dieser Arctic-Monkeys-Garagen-Indierock-Schule, ist in der Schule aber wohl sowas wie der Klassenclown.

Auch sein neuestes Album Carry on the Grudge schlägt noch in dieselbe Kerbe wie damals, auch wenn es etwas melancholischer daherkommt. Vieles klingt, als hätten sie im Studio nur einen Take pro Instrument und Gesangslinie machen dürfen, viele Spuren laufen durcheinander. Da bleibt einer sich und seinen Fans treu, ohne zu stagnieren. Und ein Genie beherrscht sein Chaos. Dann kann es ja ruhig Chaos zulassen. Es ergeben sich aufrichtige Nummern, die mal straight, mal seicht, eine von tiefer Ironie zerfressene Entschlossenheit ausstrahlen, die ihm eigen ist.

Auf jeden Fall geben seine Aufnahmen immer schon gute Vorgeschmäcker auf live. Gerade die Hooklines klingen oft schon so, als hätte einer das Mikrofon ins Publikum gehalten und als wäre Jamie T eben der lauteste gewesen, der etwas hineinruft. Und das meiste klingt tanzbar. An vielen Stellen ergeben sich unwiderstehliche Grooves. Guter Grund also für eine Berliner Auswahl seiner Fans, sich am 9. Februar im Postbahnhof zu versammeln und für ein paar Stunden König Jamies Aura zu unterwerfen. Der dankte es ihnen mit einer Macht-was-ihr-wollt-Politik. Und sie wollten tanzen. So einfach kann es sein. 

Mit einer in guter Libertines-Manier ineinanderwirkenden und gegeneinanderspielenden Liveband wurde die Performance vorbestimmt: Bewegt euch einfach durcheinander, wie es passt, und die perfekte Gesamtchoreografie ergibt sich von selbst – das JamieT-Prinzip. Soweit die Vorbestimmung, deren Umsetzung das Publikum sehr ambitioniert und mit einer Adaption der tiefironischen Entschlossenheit des Sängers umsetzte. Merkwürdig, wie viel Magie in einem Konzert liegen kann, das ja irgendwie auch trash ist. Am Ende gingen alle mit dem merkwürdigen Gefühl nach Hause, die Welt verstanden zu haben, aber sie nicht erklären zu können.

Gregor